Robert Schumanns vier Sinfonien zählen nicht gerade zu Dauerbrennern. Eine Beschäftigung mit diesen Werken, die voller Esprit und Liebenswürdigkeit stecken, lohnt aber allemal, zumal in der herausragenden Einspielung der Wiener Philharmoniker unter Leonard Bernstein.
In seinen ersten Jahren als Komponist schrieb Schumann vor allem Klaviermusik und Klavierlieder. Seine Frau Clara ermunterte ihn schließlich, eine Sinfonie zu schreiben. Was dabei herauskam, ist die erste Sinfonie in B Dur op. 38, die den passenden Beinamen "Frühlingssinfonie" führt, trägt er doch ihrem jugendlichen, frischen Charme Rechnung. Nach einer berauschenden Einleitung folgt ein wildes Allegro, das einige der herrlichsten Melodien Schumanns enthält.
Das schlichte, warme Larghetto mündet attacca in ein feuriges Scherzo, das sich mitunter herb und bitter zeigt. Das Finale greift den Habitus des Kopfsatzes wieder auf. Im Gegensatz dazu gibt es sich aber gezügelter und pittoresker.
Die nächste Sinfonie in d moll hielt Schumann für misslungen. Erst viel später überarbeitete er sie und veröffentlichte sie als seine vierte Sinfonie unter op. 120. Alle Sätze dieses Werkes gehen attacca ineinander über. Der erste Satz des Stückes steckt voller Tiefsinn und Anmut. Er zeugt vom typisch frühromantischen Gestus, der der Trauer in der Regel nicht allzu viel Raum gewährt.
Es folgt eine zarte Romanze, die leider viel zu kurz ist. Ein ernstes Scherzo reiht sich an, das in ein komplexes Finale mündet, dem eine langsame Einleitung vorangeht.
Die umfangreichste und sperrigste Sinfonie ist die "zweite" in C Dur op. 61. Im üppigen Kopfsatz, dessen Einleitung entrückend ist, gehen viele Themenkomplexe teils wirr durcheinander. Dennoch hat dieser Satz seine Momente.
Dahingegen ist das Scherzo kurz und knapp, besticht durch seine klare Linienführung. Das herrliche Adagio ist das Gravitationszentrum des knapp 45minütigen Werkes. Es erweist sich als kernig und packend.
Leider aber kann das Finale nicht mithalten, da Schumann es nicht vermag, ein einheitliches Bild zu erzeugen.
Die berühmteste und beste Sinfonie des deutschen Komponisten ist freilich die "dritte" in Es Dur op. 97, die den Beinamen "Rheinische" trägt, da Schumann sie kurz, nachdem er eine Stelle in Köln angenommen hatte, komponierte und einige Exegeten in ihr Elemente rheinischer Volkslieder zu erkennen glauben. Das fünfsätzige Werk eröffnet ohne Umschweife mit einem mitreißenden Allegro, das sich sogleich in der Erinnerung festsetzt.
Gleich im Anschluss folgt ein feuriges Scherzo, das keinen Zweifel daran lässt, dass die Stimmung der Sinfonie durchweg positiv ist. Auch der sich anschließende mäßig langsame Satz gebart sich dergestalt.
Von besonderem Charme ist der feierliche vierte Satz, der einige hinreißende Melodien produziert. Das knappe Finale ist ein wilder, leidenschaftlicher Kehraus, der diese wundervolle Sinfonie gebührend beendet.
Leonard Bernstein erweist sich mit den brillant spielenden Wiener Philharmonikern als Anwalt dieser weniger häufig aufgeführten Stücke. Im Gegensatz zu mancher anderer Darbietung übertreibt er es hier nicht mit Pomp, Pathos und Breite. Er dirigiert mäßig schnell, lässt aber dennoch schlank und agil spielen. Durch seine einmalige Akzentuierung und seine perlende Nuancierung, die jede Klangfarbe berücksichtigt, werden diese Live Aufnahmen aus den 80er Jahren - ausgezeichnete Klangqualität! - zu einem wahren Highlight jeder Musiksammlung.