Über Sir Simon Rattle ist immer wieder zu lesen, dass es ihm wichtig gewesen sei, die letzten "Karajanismen" bei den Berliner Philharmonikern zu beseitigen. Vergleicht man den Orchesterklang der beiden Epochen, so kann man ihm meines Erachtens kaum absprechen, dass ihm das gelungen ist. Ob das nun gut ist, darüber beginnt schon der erste Streit. Altvordere Kritiker wie Joachim Kaiser beklagen gerne, dass man im Gegensatz zu früher die Berliner Philharmoniker kaum mehr direkt am Klang erkenne, sie werden verwechselbar. Andere loben die Flexibilität des Orchesters und die größere Beweglichkeit, etwa im Vergleich mit den Wiener Philharmonikern (was natürlich von deren Anhängern heftigen Widerspruch herausfordert).
So sehr sich Rattle auch von Karajan absetzen wollen mag in einem Punkt unterscheiden sich beiden Maestri nicht: sie sind "Lichtgestalten" des Klassikbetriebs und sie polarisieren, haben eine große Fangemeinde, der bereits das Herz aufgeht, wenn sie den Saal betreten (haben) oder auf einem Cover zu sehen sind, werden aber auch hart kritisiert, der Oberflächlichkeit angeklagt und bezichtigt, letztlich nur begrenzt fähig zu sein, sich in die Eigentümlichkeit und Klangwelt der jeweiligen Komponisten einzuleben. Karajan wurde gerne nachgesagt, er habe letztlich aus allem einen Beethoven mit Bruckner-Einschlag gemacht. Rattle verlor Ende der Saison 2009/10 seinen brillanten Hornisten Radek Baborak, dessen als Begründung für die Demission kolportierter Ausspruch Rattle habe "eine große Speisekarte, aber keine Spezialitäten" den englischen Dirigenten doch wieder bedenklich in die Nähe Karajans rückt.
Die Große C-Dur-Symphonie von Franz Schubert ist seit ihrer "Entdeckung" durch Robert Schumann und ihrer Uraufführung unter der Leitung von Felix Mendelssohn integraler Bestandteil des Konzertbetriebs. Die Anzahl der Einspielungen ist gigantisch. Kaum ein Maestro, der nicht mindestens einmal Schuberts Opus magnum zur Aufnahme brachte. Auch die Berliner Philharmoniker waren diesbezüglich nicht untätig. Furtwängler ließ sie Schubert als elegischen Spätromantiker portraitieren, dessen zweiter Satz sich ins Unendliche auszudehnen scheint. Karajan nahm Schuberts Große C-Dur-Symphonie zweimal auf, übrigens für meinen Geschmack jedenfalls bei der späteren Aufnahme keineswegs verklärt und kitschig (wie seine übrigen, sehr anstrengenden Schubert-Aufnahmen), sondern teils majestätisch, teils temperamentvoll und für meinen Geschmack sehr gelungen. Mir wäre keine Abbado-Aufnahme (wohlgemerkt mit den Berlinern) bekannt. Am 1. Mai 2009 stand mit Riccardo Muti ein durchaus renommierter Schubert-Interpret am Pult der Berliner und dirigierte ungewöhnlich locker und fröhlich eine genau so rüberkommende Große C-Dur. Standing Ovations in Neapel, nicht ganz zu Unrecht.
Konzeptionell sind alle genannten Aufführungen der Großen C-Dur für meinen Geschmack mit dem einen großen Makel behaftet, dass die Brüche und Übergänge in Schuberts sehr dramatisch und wechselhaft gestaltetem Opus nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Außerdem wurden tendenziell die Tempi verschleppt. Karajan und Furtwängler mag man insbesondere letzteres noch nachsehen. Die neuere Schubert-Forschung geht erst seit einigen Jahren davon aus, dass Schubert Alle-Breve-Zeichen unkonventionell und undeutlich notierte, weswegen sie übersehen wurden. Das begründet auch die Tradition z.B. sehr langsam in den ersten Satz zu starten, wo man heute davon ausgeht, dass er eigentlich doppelt so schnell gehört. Muti könnte dies wissen, hängt aber wohl der traditionellen Lesart an. Aus meiner Sicht eine lässliche Sünde, denn beiden Lesarten haben ihre angenehmen Seiten.
Rattle hatte mit den Berlinern 2006 diese Aufnahme vorgelegt. Trotzdem er seit langer Zeit mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment, einem Originalklangensemble par excellence zusammenarbeitet hat Rattle mit der historischen Aufführungspraxis im Grunde nicht viel am Hut. So startet auch diese Aufnahme von Schuberts Großer C-Dur Symphonie langsam und getragen. Die gute? alte Tradition, (De-)Crescendi, Sforzati, Accelerandi und Diminuendi etwas glatt zu bügeln behält Sir Simon bei. Für mich ein Malus, aber wenn die übrige Interpretation stimmt wie m.E. bei Karajan kann man das machen. Das Problem bei dieser Aufnahme ist nur, sie stimmt m.E. nicht. Es fehlt mir immer das letzte Quäntchen. Auch wenn man das Alle-Breve ignoriert, dürfte es m.E. dennoch ein etwas höheres Grundtempo sein, auch wenn man von krachenden Sforzati und harten Dynamikwechseln nichts hält kann was etwas mehr Temperament versprühen. Alles wirkt immer ein wenig wie mit angezogener Handbremse dirigiert. Ständig möchte man Rattle zurufen, seinem Namen etwas mehr Ehre zu machen und den Hörer etwas mehr durchzuschütteln. Aber das passiert nicht und das ist schade. Denn für mich lebt die Große C-Dur-Symphonie vor allem von der Mischung aus Wohlklang, Härte und Temperament. Mit Härte meine ich neben den besagten Übergängen auch das deutliche Auskosten pathetischer Stellen wie z.B. des "großen Zusammenbruchs" im zweiten Satz oder des an Beethoven erinnerenden, bei vielen Interpreten etwas klopfend klingenden tiefen Vorspiels zum endgültigen Finale in den Streichern.
Was ist nun mit dem Wohlklang? Brauchen wir aus meiner Sicht nicht zu diskutieren. Die Berliner Philharmoniker spielen formidabel. Der Streicherklang ist wunderbar ausgewogen, nicht zu dünn, aber auch nicht zu "fett". Die Bläser spielen exquisit und sind famos aufeinander abgestimmt. Viele kleine, von Schubert fein ziselierte Details der Begleitung durch die Blechbläser treten hier in bester Transparenz zu Tage, ohne dass wie bei so manchem echten oder gefühltem (Norrington/SWR) Alte-Instrumente-Ensemble der Blechbläsersound irgendwie aufdringlich klingen würde.
Das führt insgesamt dazu, dass man sich die Große C-Dur-Symphonie wunderbar anhören kann, aber sie reißt einen eben nicht mit. Hören Sie diese CD im Auto, sie laufen nicht Gefahr zwischenrein aufzuschrecken und das Lenkrad zu verreißen, sie laufen auch nicht Gefahr nach und nach durch die Musik euphorisiert zu schnell zu fahren (Ich übernehme aber keine Garantie, dass Sie so reagieren wie ich :-) ). Diese Interpretation ist wunderbar risikolos, aber eben auch tendenziell farblos.
Fazit: ein Muss nur für bedingunglose Rattle- und/oder Berliner-Philharmoniker-Fans, wobei ich den letztgenannten, sofern eine Aufnahme der Großen C-Dur von Schubert Ihnen reicht zu
Karajan raten möchte. Diesen kann ich persönlich auch den Schubert-Fans empfehlen, allerdings wirklich nur diese eine Aufnahme genau dieser Symphonie (schon die mit eingespielte "Unvollendete" ist grenzwertig). Aus der Vielzahl der Konkurrenzeinspielungen kann ich außerdem noch
Michael Gielen,
Roger Norrington,
Thomas Dausgaard,
Leonard Bernstein und wenn auch mit leichten Abstrichen beim Klang
Adrian Boult als Interpreten der Großen C-Dur-Symphonie empfehlen.