Neben einem guten Dutzend Streichersinfonien komponierte Felix Mendelssohn Bartholdy fünf Sinfonien, mit denen er dieses Genre erneuerte, in einer Zeit, als man glaubte, dass im Sinfonischen nichts mehr zu erreichen sei. Nach seinem ersten Genrebeitrag, der das Vorbild Mozart noch deutlich zeigt, komponierte er seine sogenannte "Reformationssinfonie" in d moll op. 107, die er jedoch für misslungen hielt. Und so wurde sie als fünfte Sinfonie wesentlich später - und nach einigen Umarbeitungen - veröffentlicht.
Der erste Satz eröffnet mit einer üppigen Einleitung, die beizeiten in ein ernstes und tiefsinniges Allegro mündet, dessen aufgebracht Sein sich auch im folgenden Scherzo nicht legen will. Erst der kurze langsame Satz gebietet Einhalt. Nun ändert sich die Stimmung grundsätzlich, anstelle des Ernstes tritt ausgelassene Freude und Majestät. Im Finale nämlich verbindet Mendelssohn Luthers Choral "Eine feste Burg ist unser Gott" mit der Sonatenhauptsatzform und feiert mit dem Hörer das Fest der Reformation.
César Francks (1822-1890) d moll Sinfonie ähnelt Mendelssohns "Reformationssinfonie" in zweierlei Hinsicht: Zum einen gehört sie ebenso wenig zu den sinfonischen Repertoireklassikern; zum anderen ist sie von genau demselben romantischen Überschwang gekennzeichnet, obschon sie wesentlich später entstanden ist. Immerhin hatte Franck lange Skrupel und philosophische Zweifel, ob er überhaupt eine Sinfonie komponieren sollte.
Die langsame, schlichte Einleitung zum ersten Satz durchzieht die Leidenschaft des ersten Satzes wie ein Motto. Auch in diesem Werk lässt sich feststellen, dass sich im (mäßig) langsamen Satz die Stimmung aufklärt: Im Pizzicato der Streicher entwickelt sich ein müßiges Thema, das das Allegretto bestimmt. Das Finale findet die versöhnliche, hehre Lösung, auf die der Hörer gewartet hat: Selten hat man Franck derart heroisch und ausgelassen erlebt.
Als Lorin Maazel im Jahr 1961 diese Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern (Franck) und dem Radio Symphonie Orchester Berlin (Mendelssohn) machte, konnte man sein Unterfangen durchaus als gewagt bezeichnen, da die von ihm ausgewählten Werke damals mehr als heute zu den seltener gehörten Stücken gehörten und Maazel zum damaligen Zeitpunkt wesentlich weniger bekannt war. Wie dem auch sei, ist seine Deutung der franckschen Sinfonie mehr als beeindruckend. Farbige Nuancen, vielseitige Kontraste, eine perfekte Orchesterleistung: All das trägt zum perfekten Verständnis und zur makellosen Transparenz des Werkes bei.
Aber auch seine Interpretation der "Reformationssinfonie" ist stimmig, homogen und facettenreich. Auch hier kann die Aufnahmequalität für ihr Alter als ausgezeichnet bezeichnet werden. Dennoch halte ich die Einspielung durch das London Symphony Orchestra unter Claudio Abbado für gelungener, weil sie wesentlich spannungsreicher und schlanker daherkommt. Aber zu sagen, dass Maazels Deutung in irgendeiner Hinsicht nicht gelungen wäre, wäre sicherlich verfehlt.