Der Zyklus ist vollendet. Die Art des Entstehens wird so beschrieben:"Zum anderen ist diese außergewöhnliche Einspielung aber auch Folge harter Arbeit und einer Proben- und Aufnahmestrategie, die früher üblich, heute aus finanziellen Gründen aber leider immer seltener geworden ist: Nach ausführlichen Proben geht man auf Tournee, spielt die Werke wieder und wieder im Konzert, feilt dazwischen noch hie und da und geht schließlich noch mit jeder Sinfonie für mehrere Tage ins Aufnahmestudio. Ja, diese neuen Beethoven-Sinfonien sind erstmals wieder echte Studio-Produktionen - das musste früher nicht betont werden, stellt aber heute, wo CD-Neuveröffentlichungen im Bereich der Sinfonik meist auf Konzertmitschnitten basieren, die Ausnahme da. Möglich wurde das, man muss es einmal erwähnen, nicht durch Fördermittel aus öffentlichen Töpfen oder Gebührengeldern, sondern durch Sponsoren und vorbildliches privates bremisch-hanseatisches Mäzenatentum."
Die Bremer Kammerphilharmonie ist wahrscheinlich derzeit das Orchester mit der quantitav meisten Beethovenerfahrungen. Immer wieder der gesamte Zyklus und einzelne Sinfonien. In Salzburg 2009 begeisterte Aufnahme dieses Orchesters."Dass ein Musizieren, welches genau das vorführen möchte, ohne Transparenz, das Hervorheben von Nebenstimmen, das Nicht-Übertünchen von Ecken und Kanten an den Übergängen innerhalb der Sätze nicht auskommt, erscheint nur folgerichtig. Dass das nur geht, wenn musikantische Spielfreude und Phantasie ohne grüblerisches Übergewicht im Spiel sind. Zu realisieren ist das nur mit einem extrem aufmerksamen, risikofreudigen Orchester, das Klangschönheit und Kratzbürstigkeit zu vereinen weiß und dort, wo der Komponist selbst seine grantigen Seiten hervorkehrt - Svjatoslav Richter hat einmal von Beethoven als einem "angry character" gesprochen - durchaus rüde klingen kann," meint Anton Seiler
Eine Neunte von Beethoven aufzunehmen, ist eine besondere Herausforderung. Keine Sinfonie ist so symbol-beladen wie diese. Ihre Rolle im Nationalsozialismus ebenso wie bei wichtigen politischen Ereignissen der Nachkriegszeit. Deswegen sind Aufführungen , wie diejenige von Furtwängler im Jahre 1942, vor Hitlers Geburtstag ebenso geschichtsträchtig wie diejenige von Bernstein am 25.12.1989 ,nach der Maueröffnung.
Mit solchen Aufnahmen darf diese nicht verglichen werden. Sie findet nicht zu einem bestimmten Ereignis statt, sondern muss selbst das Ereignis sein.
Wer den Zyklus einmal miterlebt hat, wird bestätigen, dass die Aufführung dieser Sinfonie die Krönung des Zyklus ist, wie es gerade in Bonn beim Beethoven-Fest war. Nach dieser Aufführung war das Publikum in Hochstimmung und drückte seinen Jubel aus. Man war Zeuge, wie Musiker über ihre Grenzen gehen und dennoch von Järvi einfangen werden. Kontrollierte Extase. Järvi sagt im Interview, es sei die Interpretation des Tages, eingebettet in ein solides Gerüst des Geübten, aber dennoch der spontane Ausdruck dessen, was jetzt gerade ist. Die Studio-Aufnahme bezeichnet er als eine Art "Stein"- die Dokumentation eines Wegs,nicht ale ultimative Wiedergabe.
Hört man das Produkt auf CD fällt der Reiz des live-Ereignisses weg und die Produktion muss sich der überreichenden Konkurrenz stellen. Natürlich darf man diese Aufnahme nicht mit derjenigen eines Karajan vergleichen, der seine mächtigen Berliner Philharmoniker und ein riesiges Chorensemble antreten lässt.
Konkurrenten sind eher Dirigenten wie Immerseel,Brüggen, Gardiner, Norrington.
Insbesondere Roger Norrington hat reiche Beethoven-Erfahrungen. In den achtziger Jahren hatte er mit den London classical players einen vielbeachteten Zyklus vorgelegt und dann zwei Jahrzehnte später mit den Stuttgartern.
Hört man diese beiden Versionen in unmittelbaren Vergleich ,sind sie beide hoch beeindruckend. Beide Dirigenten betonen nicht im Übermass das Extatische, wie es den Wiedergaben im Kriege von Furtwängler so fascinierend eigen ist. Beide,Järvi und Norrington haben sich intensiv mit der Architektur des Werkes beschäftigt und arbeiten die Details heraus, ohne den ausführenden Musikern spieltechnische Herausforderungen zu ersparen.Durch Intensität des Musizierens,unter Vernachlässigung eines Schönheitsgebots ( bei Karajan wäre dies unmöglich gewesen) wird diese Dimension des Existentiellen hervorgehoben. Intensität und Geschwindigkeit in einigen Passagen zeigen diese Grösse der Sinfonie auf.
Järvi gelingt eine hoch-spannende Interpretation des Werkes. Wer es mächtiger möchte, muss zu anderen Aufnahmen greifen, wer es facettenreich möchte, hat die Qual der Wahl. Es ist wie bei einem Radrennen. Vom Feld kann man sich kaum lösen.
Diese Aufnahme ist hervorragend, aber andere machen es auch nicht schlechter,vielleicht ein wenig anders, aber ebenso überzeugend.
Fällt die Wahl auf Järvi und die Bremer Kammerphilharmonie, hat man eine sehr gute getroffen.