Der Mahler-Zyklus von Markus Stenz und seinem Kölner Gürzenich-Orchester begann mit einer sehr vielversprechenden Fünften (die freilich bereits kleinere aufnahmetechnische Mängel aufwies, dazu noch weiter unten). Mit den Aufnahmen der Vierten sowie der Wunderhorn-Lieder erreichten Stenz und seine Mitstreiter (insbesondere die fantastische Christiane Oelze) dann beinahe Referenz-Status, insbesondere hinsichtlich der Orchesterfassung des Wunderhorns, die man selten auf so einheitlichem und zugleich eindringlichem Niveau hörte. Die Oehms-Editionen der Zweiten und jetzt v.a. der Dritten dagegen enttäuschen auf ganzer Linie; hinsichtlich der Dritten kann man sich sogar die Frage stellen, ob so etwas (angesichts der unbestreitbaren Qualität der Ausführenden) überhaupt veröffentlicht werden sollte.
Eine schwache Zweite innerhalb eines aufregenden Mahler-Zyklus muss kein Nachteil, sondern könnte eher ein Vorteil sein. Für einen jungen, von der modernen und zeitgenössischen Musik herkommenden Dirigenten sind sicherlich die Sechste und Siebte Symphonie wichtiger als die Zweite oder auch die Dritte, deren Pathos und Positivität, an Bruckner erinnernd, noch ganz dem 19. Jahrhundert anzugehören scheinen und deren von Adorno zurecht kritisch betrachteter Hang zum Affirmativen dann ja auch durch die Ironie der Vierten gebrochen wird. Dennoch kann man für eine Gesamtaufnahme der Mahler-Symphonien die Dritte nicht so hinschludern, wie Stenz und das Kölner Orchester dies im Juli 2010 (so das noch vor dem der Zweiten liegende Aufnahmedatum) getan haben.
Stenz wählt insgesamt recht schnelle Tempi, wahrscheinlich um die pathetische Dritte etwas zu entschlacken. Das wäre sehr löblich, wenn es ihm gleichzeitig gelänge, die vielen ungewöhnlichen und innovativen spieltechnischen Finessen herauszubringen, wie man sie z.B. bei Gielen zu hören bekommt. Doch nichts (oder nur sehr wenig) davon, denn auch die Aufnahmetechnik kommt Stenz und dem Orchester hier nicht entgegen: Tiefere Klänge etwa von Pauken und Tamtam sind kaum zu vernehmen, gleiches gilt für die sehr hohen Register, in denen sich das Glockenspiel bewegt. Überhaupt ist das Klangbild insgesamt sehr flächig und eindimensional, worunter auch die Raumwirkungen der Instrumentierung des ersten Satzes zu leiden haben. Die formengeschichtliche Unerhörtheit dieses ersten Satzes kommt einem hier nicht durchschlagend genug zu Bewusstsein. Der katastrophische Ausgang des dritten Satzes, der die bittere Klage des nachfolgenden "O Mensch, gib acht!" erst auslöst, bleibt dünn und hat sehr wenig Erschreckendes an sich (man vgl. etwa die Luzerner Aufführung unter Abbado). Die dem Pendeln von Glocken ähnelnden Paukenschläge zum Ende des Finales besitzen nicht die notwendige Durchschlagskraft, überhaupt fehlt dieser Schlussapotheose die überzeugende Ruhe, die aus einem gemäßigteren Tempo resultierten kann. Die Gesamtdramaturgie des Werkes, der platonische Aufstieg von den Abgründen der (unbelebten) Natur bis hinauf zur (göttlichen) Liebe, wird auf Grund eines doppelten Mangels, dem des langen Atems sowie der Lust an Details, vollkommen verfehlt.
Die beiden Vokalsätze gelingen Stenz noch am besten, wobei auch er (wie z.B. Nagano in seiner vielgepriesenen Aufnahme) den Fehler begeht, den Wunderhorn-Satz ("Bimm Bamm!") zu schnell anzugehen; das "Lustige" und "Kecke" wird bei einem etwas langsameren Tempo (auch durch einen "frecheren" Einsatz des Knabenchors) viel deutlicher, wie man v.a. bei Horenstein (London 1970, unvergleichlich der Alt von Norma Procter und die im besten Sinne vorlauten Stimmen des Wandsworth School Boy's Choir) nachvollziehen kann. Stenz versteht es nicht, den Satz, den er zu einem bloßen Intermezzo herabstuft, zu dem eigentlichen Umschlagpunkt der ganzen Symphonie zu machen, der nach der Aporie des Nietzsche-Satzes den Aufstieg zum hymnischen Finale überhaupt erst ermöglicht. In den seltensten Fällen, zugegeben, gelingt dies: auch in der Edition der Dritten, die innerhalb der zum Gürzenich-Zyklus in unmittelbarer Konkurrenz entstehenden Bamberger Gesamtaufnahme unter Jonathan Nott letztes Jahr erschienen ist, und in der ansonsten sehr empfehlenswerten Gielen-Aufnahme findet dieser schwer zu erreichende, naiv-fröhliche, zugleich mystische und glasklare Umschlag nicht statt; man muss zu der genannten Aufnahme Horensteins greifen, auch zu Bernstein (DGG) und Abbado (Luzern).
Noch ein Wort zur Qualität des Klangbildes: Abseits von dem Für-und-Wider hinsichtlich des SACD-Verfahrens ist es offensichtlich und im Impressum der jeweiligen Booklets nachprüfbar, dass die wesentlich gelungeneren Aufnahmen unter Stenz (Vierte u. Wunderhorn) von einem anderen Toningenieur verantwortet wurden als diejenigen der schlecht(er) ausgeloteten Zweiten, Dritten und Fünften. Der Klang in der Kölner Philharmonie ist in Konzerten ein anderer und wesentlich besserer, wie Rezensent bei dortigen Aufführungen der Fünften und Ersten nachvollziehen konnte.
Unter den jüngeren Mahler-Dirigenten ist Markus Stenz neben Jonathan Nott nach wie vor der Beste und Interessanteste. Es bleibt zu hoffen, dass der Kölner Mahler-Zyklus für seine Fortsetzung auf von einem fähigen Toningenieur mitgeschnittene Live-Aufnahmen setzt.