Mit ihrem konsequent auf die Erstfassungen zurückgreifenden Bruckner-Zyklus haben Simone Young und "ihre" Hamburger Philharmoniker rasch große Aufmerksamkeit erregt. Über die Gründe, warum das Label Oehms parallel einen Mitschnitt der ersten Sinfonie von Bruckners "Antipoden" Johannes Brahms auf den Markt gebracht hat, kann man spekulieren. Verständlich wäre es, wenn auf diese Weise deutlich gemacht werden sollte, dass Simone Young eine universelle Musikerin ist, die sich nicht nur auf Bruckner versteht, und allgemeiner: dass sich Brahms und Bruckner nicht ausschließen müssen. Dem auf SACD vorliegenden Mitschnitt liegt ein Verzeichnis des Labels (2010) bei - auch hier kann man spekulieren, warum der Katalog ausgerechnet dieser Platte beigelegt wurde. Aber zum Musikalischen: Youngs Brahms ist solide und weist keine Schwäche auf außer derjenigen, ein eindeutiges Profil vermissen zu lassen. Im Konzert lässt man es sich gefallen, wenn ein Werk partiturtreu und "brav" musiziert wird, aber im unüberschaubar gewordenen Plattenmarkt ist es geboten, sich von der Masse der präexistenten Einspielungen abzuheben. Natürlich wäre es nicht der richtige Ansatzpunkt, eine neue Aufnahme primär oder ausschließlich nach dem Kriterium des Neuen zu gestalten, was vielleicht (oder wahrscheinlich) dem künstlerischen Ethos zuwider laufen dürfte. Wer also noch keine Aufnahme der Sinfonie besitzen sollte und auf der Suche nach einer möglichst authentischen Wiedergabe ist, die zudem klangtechnisch auf der Höhe des derzeit möglichen ist, darf diese Platte als ihm empfohlen ansehen. Ich persönlich fand die aktuellen Lesarten von John Eliot Gardiner in vieler Hinsicht spannender, unerhörter.