Fricsays Aufnahme von 1958, eine der allerersten der Deutschen Grammophon Gesellschaft in STEREO, hat mir Anfang der 60er Jahre die erste Bekanntschaft mit Beethovens Neunter vermittelt.
Der Eindruck war überwältigend, und auch heute, nach mehr als 40 Jahren, ist dieser noch nicht verblaßt. Es mag ja sein, daß ein erster Höreindruck so prägend ist, daß man ein Werk dann in einer ganz bestimmten Form im Ohr hat und alles, was danach kommt, dann damit vergleicht und ein wenig ungerecht gegenüber nachfolgenden Interpretationen ist. Aber das ist glaube ich nicht der Fall. Karajans 1962er Einspielung, die Deutungen von Furtwängler, Klemperer, Solti, Bruno Walter u.a. haben alle ihre Meriten und werden von mir hochgeschätzt. Aber diese hier scheint mir ganz besonders liebenswert: Der leider allzu früh verstorbene Dirigent bringt hier eine so eindringliche Darstellung zustande und hat solch großartige Künstler wie Irmgard Seefried, Ernst Haefliger und Dietrich Fischer-Dieskau an seiner Seite, dazu den damals unvergleichlichen Chor der St. Hedwigs-Kathedrale Berlin, von der Berliner Philharmonikern ganz zu schweigen, daß man noch heute überwältigt ist von der Pracht dieser Aufnahme. Klanglich sind zwar kleine Abstriche zu machen, aber jeder weitere Einwand verstummt angesichts der herausragenden Gesamtleistung.
Fricsay wollte einen kompletten Beethoven-Zyklus in Stereo aufnehmen; leider ließ seine Krankheit ihm nicht die Zeit dazu.
So sind nur die vorliegende Einspielung sowie Aufnahmen der Eroica und der 5. und 7. Symphonie fertiggestellt worden, die ebenfalls hervorragend gelungen sind und bei ihrem ersten Erscheinen von der internationalen Kritik mit hohem Lob bedacht wurden. Warum die DGG diese nicht längst auf CD überspielt hat, ist mir ein Rätsel. Ebenso harrt noch Beethovens 3. Klavierkonzert mit Annie Fischer am Flügel (zusammen mit den beiden Mozart-Rondos) der Auferstehung auf CD, auch diese in guter Stereo-Klangqualität und exquisiter Interpretation.
In diesen Tagen veröffentlicht man Fricsays Mono-Einspielungen der Rossini-Ouvertüren in der Reihe "Originals", sicherlich begrüßenswert, doch ich meine, daß eine Wiederauflage seiner Beethoven-Aufnahmen vorzuziehen gewesen wäre. Aber vielleicht geschieht ja eines Tages noch ein Wunder. Alle Fricsay-Fans, und das sind nicht wenige, warten darauf. Schon im voraus: Danke DGG!
P.S. (23.10.06): Die weiter oben reklamierten Symphonien Nr. 3, 5 und 7 sind inzwischen bei DGG France auf einer 2 CD-Box erschienen, zusammen mit der alten Mono-Einspielung der 8. Symphonie von 1953, alle tadelsfrei überspielt und damit höchst empfehlenswert. Das Album ist bei Amazon erhältlich.