Bewegend ist diese CD aus einer Reihe von Gründen: Man steht fassungslos vor einem solchen Geniestreich eines Zwanzigjährigen, und man ist geradezu verzweifelt über die Borniertheit seiner Zeitgenossen, die Hans Rott (1858-1884) die verdiente Anerkennung versagten und ihn auf diese Weise erst in Armut und Obskurität, dann ins Irrenhaus und in den frühen Tod trieben. Kaum auszumalen, welche Musik Rott hätte komponieren können, wenn man ihn nur gelassen hätte.
Die Ähnlichkeiten des dritten Satzes mit dem Kopfsatz und dem Scherzo der ersten Mahler-Symphonie sind unüberhörbar - nur ist Mahlers viel bekannteres Werk (Rotts Symphonie wurde erst 1989 wiederentdeckt und uraufgeführt) acht Jahre NACH Rotts Komposition entstanden. Man weiß, dass Mahler Rotts Partitur gekannt und geschätzt hat. Dass er sie evident auch regelrecht abgekupfert hat, erinnert an die auffälligen Übereinstimmungen zwischen der Violinsonate von Gabriel Fauré und der berühmteren, aber späteren Sonate von César Franck.
Von den Aufnahmen, die von Rotts Symphonie erhältlich sind (ich kenne drei), dürfte die von Sebastian Weigle wohl die empfehlenswerteste sein. Sie enthält außerdem noch die Ersteinspielung des Orchestervorspiels E-Dur und die "Julius Cäsar" Ouvertüre - letztere eine hochinteressante Arbeit, deren Nähe zur Klangwelt des "Ring", speziell der "Götterdämmerung", allerdings unverkennbar ist. Hier sucht ein junges Genie noch nach "seinem" Ton - was entstanden wäre, wenn er ihn gefunden hätte, werden wir leider nie erfahren.
Zugleich empfiehlt sich mit dieser CD ein exzellenter, noch nicht allzu bekannter Dirigent, von dem wir noch einiges erwarten dürfen. Die Bayreuther Meistersinger hat er bereits gestemmt.