Mit der demokratischen Wahl von Sir Simon Rattle zum Chefdirigenten hatten die Berliner Philharmoniker einen mutigen Schritt gewagt und drastische Erneuerungen in Kauf genommen. Und Rattle hat bislang sein Versprechen gehalten, und mit jeder Spielzeit das Repertoire dieses einmaligen Klangkörpers stetig erweitert, vor allen Dingen in Bezug auf zeitgenössische Komponisten. Aber gleichzeitig hielt Rattle auch sein anderes Versprechen, und zwar die Pflege von Werken, die zu den traditionellen Stärken der Berliner zählen, dem philharmonischen Erbe eines Orchesters, das in seinen frühen Jahren direkten Kontakt und Draht zu den großen spätromantischen Komponisten wie etwa Strauss und Mahler genoß.
Es war schon immer ein Glücksfall, wenn Rattle und Mahler aufeinander trafen. Bei seinem Debut bei den Berliner Philharmonikern dirigierte er Mahlers Sechste, und nachdem er Jahrzehnte später zu deren Chefdirigenten ernannt wurde, gab es im allerersten Konzert seiner Amtszeit ebenfalls Mahler, nämlich die Fünfte. In der Spielzeit 2007/2008 standen vor allen Dingen die späten Werke von Mahler auf dem Programm: zum wiederholten Male die 10. Symphonie in der Cooke'schen Aufführungsversion, die weder ihm noch uns langweilig werden wird, das Lied von der Erde und die neunte Symphonie.
Schon mit den ersten Takten der neunten Symphonie ist dem Zuhörer einfach bewusst, dass Rattle bei Mahler zu Hause ist. Es herrscht da einfach ein Gefühl von Richtigkeit: alles ist an seinem Platz, ganz so, wie es sein sollte. Die für Mahler so typischen kammermusikalischen Details werden liebevoll ausmusiziert, ohne den Blick fürs Ganze zu verlieren. Die Ausbrüche im ersten langsamen Satz sind gigantisch, und doch bleibt das Orchester selbst in den tumultartigen und dichtesten Passagen durchhörbar und transparent. Im Tanzsatz beweist Rattle einmal mehr sein untrügerisches Gespür für die richtigen Tempi und Rhythmen. Die Rondo-Burleske versprüht Spielwitz und Virtuosität ohne Mahlers Trotz zu verlieren. Und wer meinen sollte, die Berliner Philharmoniker hätten ihren deutsch-traditionellen, dunkel gefärbten, bass-betonten Klang verloren, der höre sich die Auflösung der Symphonie im letzten Satz an.
Die Neunte sollte die letzte durchkomponierte und vollendete Symphonie von Mahler bleiben. Hier ist also Mahlers auskomponierter Abschied, sein Beitrag zum fin de siècle, präsentiert von einem der wohl bedeutendsten Mahlerdeuter unserer Zeit und realisiert durch ein exzellentes Orchester, das bereit ist, ihm durch alle Höhen und Tiefen zu folgen. Exquisites und grandioses Spiel! Das einzige, was mir nicht so zusagen will, ist die etwas aufdringliche Inszenierung seines silbernen Lockenschopfes auf dem CD Cover...