Die vollmundige Ankündigung auf dem Jubiläumscover der DGG lässt einiges erwarten, zumindest, was die Qualität des Orchesters und die fortgeschrittene Klangtechnik angeht, kann man ihr ohne weiteres zustimmen. Nun lässt Mahlers Neunte durchaus verschiedene mögliche Deutungen zu, welche die Komplexität des Werkes widerspiegeln. Boulez entscheidet sich für eine unsentimentale, sehr zügig und linear dirigierte Fassung.
Der erste Satz wird erstaunlich behutsam (manches Mal fast zu leise) genommen, so dass der fließende Rhythmus des Andante nicht immer so deutlich ist. Der intelligente Begleittext deutet ja den ersten Satz als eine Art instrumentaler Liedform, um das zu unterstreichen hätte sich Boulez vielleicht das eine oder andere Rubato gönnen können. Die düsteren Höhepunkte (Todesvorahnung) sind umso wirkungsvoller ausgestaltet. Wie so oft bei Boulez gewinnen seine Interpretationen bei mehrmaligem Anhören an Eindrücklichkeit.
Der zweite Satz ist der eingängigste der Sinfonie, geradezu eine Erholung, und besonders am Ende, wo die viel gerühmten Holzbläser des CSO zur Höchstform auflaufen, wieder mal (auch dank des scharf konturierten und obertonreichen Klangbildes) ein prall-sinnlicher Hörgenuss.
Die Rondo-Burleske beginnt recht schlicht, noch gar nicht so sehr überdreht, das idyllische Zwischenspiel ist klar, wenn auch etwas streng musiziert, die Reprise allerdings stürzt mit einem wahren Höllentempo dem Schluss entgegen. Hier hat Boulez die Dramaturgie des Satzes voll ausgereizt und das CSO nimmt dankbar die Herausforderung des Virtuosenstücks, des einzigen, das Mahler für Orchester schrieb, an.
Boulez' eigentliche Leistung ist das Finale, das in seinen klanglichen und zeitlichen Proportionen in Vollkommenheit gelungen ist. Ihm wurde, wie er selbst sagt, die Formidee des Satzes von Hans Rosbaud (während seiner Baden-Badener Zeit) vermittelt. Wenn am Ende der Orchesterklang sich immer mehr zur Transparenz verdünnt, während gleichzeitig der musikalische Atem immer länger und tiefer wird (welche Disziplin, beim Orchester wie auch beim Dirigenten gehört dazu, das „adagissimo" wirklich auszuhalten!), öffnet sich der Blick auf das, was jenseits von Raum und Zeit liegt, die Ewigkeit, aller Erdenrest ist in Liebe aufgelöst und tiefer Friede umfängt alle, die Zeugen dieses bewussten Dahinscheidens werden.