Endlich wieder eine Aufnahme von Beethovens Neunter, die sich dem allgemeinen Trend zum Metronom-Fetischismus entzieht. Barenboim verlässt sich ganz auf sein eigenes Tempogefühl und erreicht damit ein wesentlich überzeugenderes Ergebnis als so manche seiner Zeitgenossen. Er spult den 3. Satz nicht seelenlos herunter wie Zinman oder Norrington, sondern lässt Beethovens humanistischen Traum von einer besseren Welt in seiner ganzen erhabenen Schönheit erklingen. Das mag einigen altmodisch erscheinen, die sich an die hektische Betriebsamkeit "moderner" Beethoven-Interpreten oder an die nichtssagende Glätte eines Karajan gewöhnt haben. Auch die übrigen Sätze werden von Barenboim, der Staatskapelle und dem Solistenquartett überzeugend und spannungsvoll dargeboten.
Bei einer hoch auflösenden Aufnahmetechnik ist es natürlich unvermeidbar, dass auch Nebengeräusche wie das Umblättern der Noten hörbar werden, die auf einer normalen CD nicht zu hören wären. Wen so etwas stört, der wird wohl auch nicht ins Konzert gehen, sondern die Digitalaufnahmen aus den frühen 80er-Jahren bevorzugen, bei denen alles keimfrei und steril war und die Musik faktisch im luftleeren Raum stattfand.
Inzwischen haben wir Live-Aufnahmen ohne Husten und ohne Beifall, aber kommt das wirklich einem "Live-Erlebnis" gleich?