Nachdem sich die Aufregung um die Rekonstruktion des unvollendeten vierten Satzes von Bruckners Neunter wieder gelegt hat, kann man sich wieder gelassen der dreisätzigen Version zuwenden, die von den Hörern offensichtlich schon seit jeher als vollständig empfunden worden ist. Und welcher Dirigent wäre für diese Rückbesinnung besser geeignet als Carlo Maria Giulini? Der Rezensent erinnert sich dankbar an dessen Aufnahme mit dem Chicago Symphony Orchestra, die ihm vor fast 30 Jahren das Tor zu Bruckner mit wahrhaft ekstatischen Hörerlebnissen öffnete.
Die vorliegende zwölf Jahre später entstandene Einspielung mit den Wiener Philharmonikern übertrifft die frühere womöglich noch an Radikalität der Deutung. Kompromisslos werden die klanglichen Schärfen von Bruckners Schwanengesang herausgestellt, die an vielen Stellen bestürzende Modernität seiner Harmonik und Melodik. Dabei ist die Darstellung völlig frei von sentimentalen Verzerrungen - die bei Bruckner gefährlich nahe liegen - dank des ruhigen Atems, der von der ersten bis zur letzten Minute waltet und auch bei den erschütternden Höhepunkten durchgehalten wird. Dieser Atem weitet den Klangraum und führt ganz natürlich zu einem langsamen Tempo in den Ecksätzen, ohne dass sich beim Hörer der Eindruck des Schleppens einstellt. Exemplarisch lässt sich das an einer heiklen Stelle der Partitur, dem Einsatz des Seitenthemas nach dem zweiten C-Dur Ausbruch im dritten Satz (bei 16:09) belegen: Was in anderen Einspielungen wie ein plötzlicher Spannungsabfall, eine Ermattung erscheint, wirkt hier als durchaus schlüssiger Übergang.
Das Scherzo andererseits überrascht den Hörer mit den luftigen, tänzerisch beschwingten Pizzicati zu Beginn, nach denen freilich die stampfenden Marcato-Felder umso schockierender wirken. Das schöne Trio wird nicht geisterhaft verhuscht und damit verflüchtigt, sondern unbefangen ausmusiziert.
Das Finale, mit seiner sich selbst auflösenden Form, stellt für jeden Dirigenten eine große Herausforderung dar. Giulini setzt auf die dramaturgische Wirkung der beiden geballten C-Dur Akkorde (bei 2:07 bzw. 15:08) und des dissonanten Zusammenbruchs gegen Ende (23:44). Die C-Dur Akkorde sind gleichsam Spalten des Klangewölbes, aus denen gleißend helles Licht strömt, während die große Dissonanz die ganze Kathedrale, die im ersten Satz noch so majestätisch errichtet wurde, zum Einsturz bringt. Diese Stelle zählt sicher zu den geheimnisvollsten in der gesamten sinfonischen Literatur: Ist sie eine Vorwegnahme des eigenen Todes oder, wie anspielungsreich gesagt wurde, das Ineins von Lust und Gnade? Die erhabene Ruhe der abschließenden Coda gibt darauf keine eindeutige Antwort.
Diese Aufnahme aus dem Jahr 1988 ist zu Recht legendär geworden und immer noch erste Referenz. Im Großen Musikvereinssaal von Wien mit dessen delikater Akustik live aufgenommen, klingt sie im Übrigen wie eine perfekte Studioaufnahme.