Karajan und Schubert? Ich dachte nicht, dass das zueinander passen würde. Ich fand die Vorstellung ähnlich absurd, wie ich derzeit die Vorstellung finde, Bach oder Haydn von Karajan zu hören (Seine "Schöpfung" gefällt mir gar nicht). Tu ich ihm Unrecht? Ich will bei Schubert bleiben und hier tat ich ihm teilweise tatsächlich Unrecht. Die hier vorliegende Einspielung der großen C-Dur-Symphonie ist aus meiner Sicht sehr gut gelungen. Anders als befürchtet, legt Karajan weder ein extrem langsames Tempo vor noch hetzt er durch die Symphonie. Natürlich pflegen die Berliner Philharmoniker auch hier den typischen Karajan'schen Breitklang und Legatostil, aber Schuberts große C-Dur-Symphonie verträgt das für meinen Geschmack sehr gut, es gehen nicht zu viele Details verloren. Sie bleibt transparent genug und ein großes Streichervolumen tut ihr aus meiner Sicht durchaus gut. Die tänzerischen Passagen, die alle Sätze enthalten, kommen allesamt gut heraus. Auch an Temperament mangelt es nicht. Eine richtig gute Aufnahme! Mit eine der besten, die ich kenne. Ich war sehr positiv überrascht!
Mit Karajans Interpretation der "Unvollendeten" hingegen tu ich mich deutlich schwerer. Insbesondere der erste Satz ist mir zu undifferenziert, nicht gut genug phrasiert und vor allem zu schwelgerisch. Die Satzbezeichnung lautet "Allegro ma non troppo"! Karajan dirigiert meines Erachtens ein gemäßigtes Andante. Die dramatischen Stellen bekommen alle eine ewig ausgehaltene Fermate verpasst. Die Wirkung ist auf mich die von romantischem Kitsch, wenn ich es etwas drastisch ausdrücken darf. Ich will das Kind nicht mit dem Bade ausschütten: man kann sich das gut anhören, aber es gibt bessere Aufnahmen dieser Symphonie. Unter den Altmeistern sticht hier für meinen Geschmack Carlos Kleiber heraus, bei den Zeitgenossen schätze ich vor allem den (völlig anderen) Zugang von Thomas Dausgaard, dessen Aufnahme ich momentan für die beste der "Unvollendeten" halte.
Fazit: 5 Punkte für eine exzellente große C-Dur-Symphonie und 3 für eine schöne, aber zu kitischige "Unvollendete".