Gustav Mahlers siebte Sinfonie zählt zu den großen Werken abendländischer Kunst. Nur leider ist es eines der vielen verkannten genialen Werke. Es beschreibt den Weg aus der Nacht ins Licht und kann mit seiner düsteren, mysteriösen und zugleich strahlenden, überwältigenden Anlage einen jeden vom Hocker reißen. Mahler greift Beethovens große Idee vom "per aspera ad astra" auf und vollendet sie eindrucksvoll. Ohne Frage ist diese Sinfonie der krönenende Abschluss von Mahlers sogenannter "Mittlerer Trilogie", der Sinfonien fünf bis sieben.
Die vorliegende Einspielung der glänzend aufspielenden Berliner Philharmoniker unter ihrem Maestro Claudio Abbado trifft die Botschaft dieses Werkes haargenau und macht gar der Referenzeinspielung dieses wundervollen Werkes der New York Philharmonics unter Leonard Bernstein Konkurrenz. Die Aufnahmequalität dieses Konzertmitschnittes - der zurecht tosenden Beifall erntete - ist ausgezeichnet.
Der erste Satz beginnt in düsterstem h moll. Die Bläser erzeugen sinistre, bittere und melancholische Fanfaren, beschwören ein Unheil herauf. Dennoch lockert sich die Stimmung etwas auf und mündet in ein tief empfundenes, wuchtiges Allegro risoluto. Dieser Satz rührt ans Innerste: Die nostalgische Stimmung, der immer wieder aufflammende Ernst überwältigen den Hörer.
Abbado lässt diesen Satz durch sein flottes Tempo an keiner Stelle versanden, gestaltet ihn stets spannend und mitreißend.
Was folgt, ist die erste Impression der Nacht, die erste Nachtmusik. Mahler wählt einen Marschrhythmus, der hypnotisierend, lieblich wirkt. Freilich ist dieser Satz wesentlich weniger komplex als der vorige.
Das mit "schattenhaft" titulierte Scherzo darf gewiss als eines der ersten Stücke der Neuen Musik angesehen werden. Es erweist sich als wirr, befremdlich, fast verstörend. Es schildert eindrucksvoll die Empfindungen bei Nacht, in tiefer, endloser, beängstigend schaudernder Nacht.
Dann folgt die zweite Nachtmusik: Mahler knüpft hier nahtlos an sein grandioses Scherzo seiner Fünften an. Wie in den beiden vorigen Sätzen verwendet er sein riesenhaftes Orchester vor allem zur Herausarbeitung kammermusikalischer Effekte. Gitarre und Mandoline, die fast exotisch orientalische Nuancen einbringen, gingen sonst unter. Diese beiden aber gerade sind es, die diesem Satz die besondere Würze geben.
Die Berliner spielen diese drei Sätze ungelaublich transparent und meisterlich, dass jede Klangafarbe, jede impressionistische Färbung offensichtlich wird. Es ist einfach herrlich, dieses Potpourri aus Kolorit und Emotion.
Aber dann bricht der Tag herein. Der Komponist beschert sich seinen ganz persönlichen Sonnenaufgang. Der ist wuchtig, fast monumental. Die Blechbläser folgen dem Aufruf der Pauken. Und plötzlich wendet sich alles nach C Dur, dieser strahlenden Tonart. Immer wieder muss sich das Licht gegen Tristes, Störendes durchsetzen; dennoch gelingt ihm der Triumph. Im Freudentaumel klingt das Werk strahlend aus.
Abbado lässt demselben eine unfassbare Beseeltheit und Freude angedeihen. Diese Einspielung bewegt tief.
Fazit: Ein verkanntes Meisterwerk in einer genialen Einspielung! Man darf nur dankbar sein, dass sich so viele Dirigenten diesem Koloss von Sinfonie annehmen, um die Botschaft desselben zu vermitteln: vom Dunkel ins Licht!