"Der Held, der drei Schicksalsschläge bekommt, von denen ihn der dritte fällt, wie ein Baum.", beschreibt Mahler das Scheitern des sinfonischen Helden im finalen Satz der 6. Sinfonie (1904). Es ist Mahlers persönlicher, schicksalhafter Niedergang, der auf prophetische Art und Weise (wie auch schon in den Kindertotenliedern) in einer Konfrontation mit dem Fatum musikalisch von ihm antizipiert wird. Denn auch ihm wird das Schicksal drei Hammerschläge (die Demission an der Wiener Hofoper, der Tod seiner Tochter und sein unheilbares Herzleiden) verpassen, wovon der letzte ihn endgültig niederstreckt. So schildert Mahler im unheilschwangeren Ende des dritten Satzes, dem zarten, aber hoffnungslosen Andante, das Spielen zweier kleiner Mädchen, die torkelnd durch den Sand laufen. Ihre Stimmen werden immer tragischer, bis eine der beiden Stimmchen nur noch wimmert und schließlich verlöscht. Es ist die ältere seiner beiden Töchter, Mahlers Liebling Maria, die 1907 mit 5 Jahren zum Opfer eines Scharlach und der Diphtherie wird. Ihren Tod hat er nie verwunden. Zu dem Landsitz am Wörthersee, dem Ort des Unglücks, wird er nie mehr zurückkehren. Auch wenn dieser mystische Kontext zwischen Mahlers Biographie und seinem Werk zeitlebens von Alma Mahler kolportiert wurde und daher mit besonderer Vorsicht zu genießen ist, bietet diese Sechste dennoch Raum für Spekulationen, weil Mahler seine Muse hier zum Gravitationszentrum der Musik erklärt.
Die Sechste ist eine dämonische Sinfonie, die in ihrer hoffnungslosen Düsternis mit verhängnisvoller Unerbittlichkeit ein furchterregendes Bild zeichnet. Im sonatenförmigen Kopfsatz entfaltet sie im allegro energico eine unglaubliche Wucht, die in rhythmischen Pauken und choralartigen Holzbläsern das Schicksal mit progressivem Impetus in einem sich überstürzenden Marsch unaufhaltsam vorantreibt. Grelle Streicher schneiden mit apostrophierten Bogenstrichen ins Klangbild. Das Schicksalsmotiv wird sich wie ein roter Faden durch die Sinfonie ziehen, obwohl der sinfonische Held scheinbar in den zahlreichen aufhellenden Nebenpfaden zunächst vom drohenden Ungemach weggeführt wird. So wird im Kopfsatz die Düsternis von dem lichten Alma-Motiv verdrängt, das Alma Mahler in schwungvollen Violinenklängen in F-Dur als eine rettende Emanation porträtiert. Das Alma-Thema behält vorerst siegreich die Oberhand, sodass der erste Satz in seiner Conclusio im Dur ausklingt. In versteckter und abgewandelter Form schimmert jedoch das Unheil in seiner zwangsläufigen Unabwendbarkeit immer wieder durch und ermächtigt sich mehr und mehr des Protagonisten. Wie ein dunkler Schatten, der das Licht förmlich in sich absorbiert und verschlingt. Im finalen Satz exponiert sich das Menetekel des Schicksals mit aller Macht und zerschmettert das vorübergehende Glück vom Schluss des ersten Satzes durch die drei Hammerschläge, wovon der letzte in gestrichener Form erfolgt.
Musikalisch ist die 6. Sinfonie reich an Kontrasten. Mal anmutige, mal schwermütige Harmonien wechseln sich mit unaufhaltsam vorpreschenden Rhythmen ab. Lichte Dur-Motive im fortissimo werden gleitend in die tragischen Moll-Akkorde eingewoben (die Trompeten im Kopfsatz) und reißen den sinfonischen Helden zwischen Leben und Tod hin und her. Wunderbar wird mit dem typisch Mahler'schen Klangeffekt der Raum in intensiven laut-leise Dynamiken akustisch abgebildet und die Musik der Weltferne zelebriert. So ertönen in mehreren Sätzen Herdenglocken, die jedoch nicht als musikalisches Kolorit eingesetzt werden, sondern die Abgeschiedenheit und Einsamkeit auf einem Berggipfel symbolisieren und das weite Panorama der Landschaft beschreiben. Ganz dezent zieht sich die Orchestrierung hinter den Glocken zurück, sodass die Herde scheinbar immer näher kommt. Ein derartiger Effekt ist auch am Schluss des grimmigen Scherzos hörbar. Leise verschwinden hier die Kontrafagotte und Pauken ganz allmählich im Nichts. Durch die Ebenmäßigkeit der Struktur, die semantische Verknüpfung der Motive über die einzelnen Sätze hinaus und die tragische Stimmung ist die Sechste dennoch Mahlers strengstes Werk.
Mahlers Sechste ist auch für klassikfremde Hörer leicht zugänglich. Nicht nur weil sie sehr mitreißend, ausdrucksstark und fesselnd ist. Sondern auch weil Mahler immer bewusst mit einfachen Melodien arbeitete, die mit einer immensen Orchestrierung umgesetzt werden. Sehr kantabel fällt das tänzerische Alma-Motiv aus und das herzhafte Scherzo endet in einer volkstümlichen Streichermelodie. Hier lag seinerzeit der Ansatzpunkt für viele Kritiker, die monierten, dass die Schlichtheit der Melodien insbesondere bei Mahlers 5. Sinfonie dem Werk dessen immanente Monumentalität entziehen. Selbst in den von tiefsten Gefühlen inspirierten Stellen treten bei Mahler stets banale Melodien in Erscheinung. Düsternis und tiefe Tragik wechseln sich immer mit leichter Unterhaltung ab. Das ist ein Umstand, der wie so viele Aspekte in Mahlers Schaffen, seiner Biografie geschuldet ist. Gegenüber Freud erwähnte er eine Begebenheit, bei der sich seine Eltern einst heftig stritten. Der verängstigte Mahler rannte aus dem Haus auf die Strasse, wo aus einem Leierkasten kontrapunktisch "Ach du lieber Augustin" dudelte. Dieser Moment blieb für immer in seinem Kopf verhaftet und beeinflusste stark seine Kompositionen. In einigen Schriften setzte sich Mahler später auch mit dem Einfluss des Volksliedes auf Motive der klassischen Musik auseinander.
Mahler-Kenner Pierre Boulez inszeniert mit den Wiener Philharmonikern wunderbar das Gefühl zwischen Leben und Tod. In einem stetigen An- und Abschwellen der Spannung werden die Leiden des sinfonischen Helden lebendig gemacht. Die Aufnahme erfolgte qualitativ hochwertig. Im Booklet ist zudem ein sehr informativer seitenlanger Essay mit vielen interessanten Hintergründen zu Mahlers Werk abgedruckt.