Wer sich Bruckners sechste Symphonie diskographisch erschliessen will, kommt an dieser Aufnahme von 1964 nicht vorbei, sie kann in dieser Überarbeitung auch klanglich heutigen Ansprüchen genügen. Klemperer liebte das Werk und hatte es schon jahrelang bei seinen Live-Auftritten mit im Gepäck, er hätte es gerne auch schon früher adäquat aufgenommen. EMI-Chef Walter Legge vertröstete ihn aber mehrfach, die sechste war die am seltensten aufgeführte Bruckner-Symphonie und man befürchtete wohl einen Ladenhüter. Erst nach der Auflösung des Philharmonia Orchesters 1964 und dessen Wiederauferstehung als New Philharmonia Orchestra wurde diese Einspielung möglich (zudem Legge sich gleichzeitig ins Private zurückzog).
Nach der mit mathematischer Exaktheit kalkulierten fünften Symphonie zog es Bruckner offenbar zu mehr fliessenden und tänzerischen Klängen hin, perfekt wurde dies mit der siebten Symphonie erreicht, und die "kleine" sechste - da muß man sich keinen Illusionen hingeben - trägt hier sicher auch die Funktion einer Zwischenstufe. Der erste Satz und das Finale erinnern mit ihren klar akzentuierten Bläsersätzen noch stark an den Vorgänger, das Adagio nimmt die Stimmung des berühmten zweiten Satzes der siebten vorweg. Trotzdem wäre es zu kurz gegriffen, sie als zweitklassig abzutun und auf ihre Zwischenstellung zu reduzieren. Sie ist absolut hörenswert und verfügt als eine von Bruckners kürzesten Symphonien in ihrer Komprimiertheit über einen unglaublichen Melodienreichtum und eine vielfältige und kontrastreiche, rhythmische Palette. Sie ist wie geschaffen für den Bruckner-Einstieg, bevor man sich an monumentalere Werke wie die Nos. 5 oder 8 heranwagt.
Mir ist keine Aufnahme bekannt, die es im ersten Satz an Schneidigkeit und militärischer Präzision - und einem Höchstmaß an Spannung - mit dieser aufnehmen kann, und die die betörend schönen Klanggewebe des zweiten Satzes in eine derartige Vergeistigung überführt. Präzise und mit wuchtigen Bläserattacken kontrastiert dagegen das Scherzo, und im Finale, das von seiner Anlage her wie das anderer Bruckner-Symphonien nicht ganz unproblematisch geraten ist, stehen sich Mysterium und dramatischer Ausbruch packend gegenüber. Die beiden vorangestellten Ouvertüren von Humperdinck und Gluck sind weitere Glanzlichter, die die CD nicht nur sinnvoll ergänzen, sondern geradezu perfektionieren. Ein Muss !!!