Nachdem ich die anderen Kritiken hier gelesen habe, muss ich jetzt auch mal eben Farbe bekennen:
Ich will gleich zugeben, dass ich mir nie wirklich eine andere Aufnahme der Sechsten angehört habe - und das hat auch seinen Grund: Diese Einspielung scheint mir von vornherein so ideal und konkurrenzlos zu sein, dass ich die mir von Solti eingegebene Vision von dieser Sinfonie einfach nicht durch andere Versionen trüben lassen will! So hat sich Gustav Mahler seine von geradezu pathologischer Detailbesessenheit zeugende Musik immer vorgestellt: Zur gleichen Zeit flammend expressiv und streng ausbalanciert, persönlich subjetivistisch und universell allgemeingülig, rot wie Blut und weiß wie Seide, heiß wie Feuer und kühl wie Marmor, brausend wie ein Ozean und fest wie ein Stahlgerüst. So stellt sich gleich der erste Satz auf dieser CD als ein gnadenloses Getriebe dar, dessen unbarmherzig ineinandergreifende Zahnräder sich gleichzeitig eine kontrapunktische Schlacht auf Leben und Tod liefern; Feldmarschall Solti kommandiert seine aufeinander losgehenden orchestralen Kampftruppen dabei derartig präzise, dass sie niemals aus dem Gleichschritt kommen, dass keine Instrumentendivision die andere wirklich übertrumpft und dass einem einfach die Spucke wegbleibt!! Wenn man hier miterlebt, wie der grimmig stampfende Marsch der Streicherbässe immer wieder von den Angriffswellen der Hörner, Posaunen und Trompeten überrollt wird, auf welche wiederum die Holzbläser ihr beißendes Hohngelächter wie heißes Pech ausschütten - und dennoch alles letztendlich mit vereinter Kraft an ein und demselben großen Strang zieht, dann erlebt man Gustav Mahlers Musik wahrhaftig in all ihrer Einzigartigkeit! Der dritte Satz, ein überdimensionales, ebenso melancholisches wie glutvolles Haydn-Quartett, erfährt hier trotz seines klagenden Tones eine klassizistische Klangreinheit, in der die straffe Struktur seines kompositorischen Gewebes überhaupt erst wirklich zur Geltung kommt; und auch der halbstündige Todesritt des Schlusssatzes (der neben dem Kopfsatz der Neunten so ziemlich das Krasseste ist, was Mahler überhaupt jemals komponiert hat) erzählt seine Leidensgeschichte in dermaßen klaren, kräftigen Worten, dass man jede Silbe so deutlich versteht, als wäre sie Schwarz auf Weiß auf Papier gedruckt: Hier hört, spürt und schmeckt man die Musik als Destillat ohne künstliche Geschmachsverstärker oder Farbstoffe!
Sir Georg Solti hat mit dieser Einspielung dem Komponisten ein unsterbliches Klangdenkmal gemeißelt, dass schlichtweg unübertreffbar ist; Soltis Sechste, Benjamin Zanders Fünfte und die erst kürzlich erschienene Achte von Boulez bilden zusammen für mich die heilige Dreifaltigkeit der Gustav Mahler-Aufnahmen. In Ewigkeit, Amen.