Die Wiener Philharmoniker klingen hier relativ luftig ohne wienerische Nuancierungen: Zumindest der 1. und 4.Satz zeugen von relativ ausführlicher Arbeit des Dirigenten mit dem Orchester. Das Adagietto gelingt unsentimental, obwohl nicht schnell gespielt wird (10:59). Pierre Boulez scheint diesen Satz in die Nähe von Debussy zu rücken, d.h. ohne langsames Dahinschmachten, ohne Überinterpretation, aber auch etwas unidiomatisch. Vor allem das Scherzo und Finale wirken zu kontrastarm, wozu das flache Orchesterklangbild beiträgt. Einen überlegenen Vergleich an Tiefenstaffelung bietet Decca in einer ein Jahr später entstandenen Aufnahme
Mahler / Sinfonie 5. Auch Mehtas Teldec-Aufnahme (1989) erweist sich dramaturgisch und klangtechnisch als deutlich spannender und macht das damals "Provokative" dieser Musik erfahrbar. Gerade im "Herzen" der Symphonie, dem Scherzo, entsteht kein Spannungsbogen. Boulez kann und will keine gebrochene Empfindsamkeit aufkommen lassen, wie sie bei Bernstein entstand, auch nicht die "psychodelische" Aufregung, die einst Solti
Sinfonien 4 und 5 erzeugte. Ein österreichisches Ländlerthema kann man exemplarisch bei Hans Swarowsky
Sinfonie Nr.5 hören, aber nicht hier. Bei aller scheinbaren "Objektivität" hätte ich mir vor allem im Scherzo und Finale deutlich mehr Spannung und klangliche Tiefenstaffelung, aber keine Aneinanderreihung von klein-klein gewünscht, damit nicht der Eindruck eines unentschlossenen, "zahnlosen Tigers" und keine neutralisierende Langeweile innerhalb der Sätze 3 und 5 entsteht. Während man bei Erich Leinsdorf, der mit Prägnanz und Modernität besticht, oder bei Zubin Mehta (Teldec
Sinfonie 5) den Atem anhält, vermisst man hier nicht etwaige romantische Übertreibungen, sondern die Realisierung der definitiv vorgegebenen Kontraste und der Dynamik, beispielsweise der ffff, der Tempobezeichnungen wie "plötzlich schneller. Leidenschaftlich. Wilder." Am Ende konnte weder ein konsequent moderner Anspruch, noch eine ausnehmende Klangtechnik eingelöst werden. Eine Empfehlung als klangliche und interpretatorische Referenz wäre in Anbetracht der riesigen Discographie von mehr als 90 Aufnahmen zu gewagt.
A. Csampai schrieb 1999 u.a.: "Pierre Boulez [...] [lieferte] eine beispiellose Manifestation des symphonischen Wohllautes und einer nostalgisch anmutenden Hochglanz-Ästhetik, die Mahler fast in die Nähe französischer Klangmagier rückt. So angenehm träumerisch entrückt und ganz ohne Stachel des Mahlerschen Weltschmerzes hatte selbst Karajan die wilden Ausbrüche in den beiden Sätzen [gemeint sind der 1. u. 2.] nicht entschärfen wollen: Boulez aber versuchte, den tragischen Helden, das Hitzige und Utopische, das Beethovensche Pathos auszuschalten. Der Komponist erscheint hier als genialer Fin-De-Siècle-Klangmystiker, als Mittler zwischen Wagners Phantasievorstellungen und Ravels Zauberklängen. Eine verführerisch schöne, aber Mahlers Erlösungstheorie ignorierende Sicht [...]"
Vergleichsaufnahmen (Auswahl): NYP, Bruno Walter (1947, Sony); NYP, Bernstein (1963, Sony); Boston SO, Leinsdorf (1963, RCA); Gewandhaus O., Neumann (1966, edel); CSO, Solti (1970, Decca); WS, Swarowsky (1971, edel); Tschech. Philh., Neumann (1977, Supraphon); LPO, Tennstedt (1978, EMI); POL, Sinopoli (1985, DG); RSO Frankfurt, Inbal (1986, Denon); NYP, Mehta (1989, Teldec); KRSO, Bertini (1990, EMI); Gürzenich Orch., Conlon (1994, EMI); CGO, Chailly (1997, Decca); SWR-SO, Gielen (2003); Gürzenich Orch., Stenz (2009, Oehms).