Was für ein Spektakel! Mahlers populärste Sinfonie und am Pult der Großmeister der Mahler-Renaissance. Auch wenn Mahlers fünfte Sinfonie (1901/02) viele verhaltene Passagen enthält, ist sie doch von überbordender Emotionalität. Und Bernstein? Selbst hochgradig expressiv, sentimental, reizbar ' eine brisante Mischung! Nun, immerhin handelt es sich bei der vorliegenden Aufnahme um eine Einspielung aus dem Jahre 1987, so dass Bernstein seit seinen ersten heftigen Annäherungen an Mahlers Musik in den 1960er Jahren an Erfahrung, Reife und Differenziertheit gewinnen konnte. Leonard Bernstein (1918-1990) hat diese Fassung gemeinsam mit den Wienern Philharmonikern eingespielt; auch das mag ein wenig zum Ausgleich der Temperamente gesorgt haben.
Die fünfte Sinfonie Mahlers genießt ihren (bisweilen fragwürdigen) Status in der Rezeptionsgeschichte aufgrund des darin enthaltenen weltberühmten Adagiettos, der Legende nach eine vertonte Liebeserklärung an Alma Mahler (geb. Schindler) und seit Viscontes Thomas-Mann-Verfilmung "Tod in Venedig" (1971) immer wieder zur klanglichen Untermalung von Filmen und Wellness-Oasen genutzt.
Abgesehen von den Irrungen und Wirrungen der Rezeption ist Mahlers fünfte Sinfonie natürlich echter, reiner "Mahler"; werkgeschichtlich ist sie die Mitte von Mahlers Schaffen; musikalisch markiert sie (bis zur achten Sinfonie) die Hinwendung zu einer orchestralen, freilich nicht stimmlosen Sinfonik. Insofern ist sie durchaus ein Meilenstein in Mahlers Oeuvre. Das ist recht überschaubar; trotzdem ist Gustav Mahler (1860-1911) der bedeutendste Komponist des 20. Jahrhunderts; seine Musik markiert den Übergang von der Spätromantik zur Moderne. Sie ist musikalischer Ausdruck des zumal in Wien universell erfahrbaren Fin de Siecle, Kulminationspunkt und radikale Infragestellung der klassischen und romantischen Sinfonik und sie ist vor allem eine in Klang gegossene Natur- und Zivilisationsphilosophie. Eine, die die Ambivalenz zwischen harmloser Folklore und großstädtischer Neurasthenie, zwischen Naturklang und Militärkapelle, zwischen vermeintlicher Transzendenz und trivialer Endlichkeit buchstäblich ausspielt. In diese Ambivalenz gehört das Verhältnis von Stimme und mechanischem Klang; nahezu Mahlers gesamtes Schaffen ist Vokalsinfonik. Wenn auch oft nicht direkt hörbar, so ist die menschliche Stimme stets gemeint; und sei es, als unterdrückte, als Abdruck, als Abwesendes.
Mahlers Musik geht der so genannten Zweiten Wiener Schule (Berg, Schönberg, Webern) voraus; das bereits um die Jahrhundertwende vielfach geäußerte Ressentiment gegen den jüdischen Komponisten Gustav Mahler hat, verstärkt durch den Rassenwahn des nationalsozialistischen Terrors, zu einer sehr nachhaltigen Verdrängung seiner Musik geführt. Insbesondere Leonard Bernstein hat sich in den 1960er Jahren verdient gemacht um die Musik Gustav Mahlers und gleichsam eine seither nicht mehr enden wollende Mahler-Renaissance eingeläutet. Kaum ein Komponist erfährt heute mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung in zahllosen Aufführungen, Einspielungen oder Buchpublikationen. Das ist nicht so ganz selbstverständlich, denn Mahlers Musik ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht so ohne Weiteres zugänglich; immerhin bricht Mahler mit vielen Traditionen; er antizipiert die Atonalität und die Dissonanzen der so genannten Zwölftonmusik, treibt musikalische Persiflagen ins Groteske und demontiert das "Logische" an der Musik.
All das lotet Bernstein aus, nutzt Bernstein aus, macht sich Bernstein zu eigen. Emotional, großformatig, bisweilen brachial. Kein anderer Interpret ist so tief in den Text Mahlers gekrochen, hat sich mit einer bis ans Manische grenzenden Intensität (und Genauigkeit!) darin verkrochen wie Bernstein, der sich in ironischer Zuspitzung mit Mahler identifizierte. Bernsteins 'Mahler' ist immer - und zumal in der fünften Sinfonie - großes Kino, laut, jazzig, polternd, kitschig. Aber nie Heimatfilm, nie harmonisch, nie banal. Darin nimmt Bernstein Mahler ernst: Volkstümliches bei Mahler wird nicht zur anbiedernden Folklore oder zur herablassenden Parodie; es ist vielmehr die tief empfundene Trauer über den Verlust einer Idylle, in die hinein sich niemand mehr zurücksehnt. In Mahlers Musik wird die Janusgesichtigkeit der Tradition empfunden. Und die der Moderne. Das hat Bernstein tatsächlich kongenial nachgebildet. Seine Interpretation von Mahlers fünfter Sinfonie ist daher völlig zu Recht in die Gustav Mahler Complete Edition (Deutsche Grammophon) integriert worden. (Die in manchen Rezensionen bemerkte unzureichende Klangqualität kann nicht bestätigt werden; mit hochwertiger Elektronik weist die vorliegende Aufnahme einen sehr ordentlichen Klang auf.)