Tschaikowskys Symphonien, die mehr als nur einmal wegen ihres tänzerischen und dramatischen Charakters verunglimpft wurden, sind immer noch ein ernster Prüfstein für alle Spitzenorchester. Die 5. Symphonie, die sich strenger an klassische Vorgaben hält als ihr Vorgänger und Nachfolger, stellt dabei besondere Anforderungen an die richtige Agogik und Balance.
Gleich das Klarinettensolo zu Beginn hinterläßt eher einen ziellos fortschreitenden als lyrischen Eindruck; auch das Tempo ist sowohl in der Einleitung als auch im Hauptteil recht zögerlich gewählt und hätte ohne weiteres mehr Rubato erfahren dürfen. Dudamel versteht es zwar durchaus, auf beachtliche Weise eine überaus transparent wirkende Stimmführung hervorzumeißeln, aber Dramatik und Leidenschaft bleiben dabei doch spürbar auf der Strecke. Der Satz kommt nie richtig in Fahrt, was angesichts der Tatsache, daß hier ein heißblütiges Jugendorchester spielt, doch sehr überrascht. Auch der 2. Satz leidet an ähnlichen Problemen: das lange Hornsolo zu Beginn ist zwar kontrolliert, kommt aber recht flach daher. Weiter zu diesem Eindruck trägt der Umstand bei, daß das danach angeschlagene Tempo ebenfalls an der Untergrenze gewählt ist; außerdem hätte man sich gewünscht, daß die ff-Klimax zwingender daherkommt. Im 2. wie im 3. Satz kommen neben den langsamen Tempi außerdem Unsauberkeiten zwischen den Hemiolen in Steichern und Holzbläsern hinzu. Das Finale schließlich entschädigt für viele der vorigen Menetekel: hier sprühen die Funken endlich, das Spiel wirkt nicht mehr, als ob die Handbremse angezogen wäre, und das Orchester spielt sich allmählich in den leidenschaftlichen Rausch, den es zuvor weitgehend vermissen ließ.
Unterm Strich steht eine sehr bedächtige, fast introvertiert wirkende Deutung des Werkes, die angesichts biederer Tempi und zu großer Zurückhaltung leider nur stellenweise zu überzeugen weiß. Ausdrücklich davon ausgenommen sei das Finale, das weitaus überzeugender als der Rest geriet.
Die selten zu hörende Tondichtung "Francesca da Rimini" nach Dante Aligheris "Die Göttliche Komödie" rechtfertigt den Kauf dieser CD doch noch. Obwohl Dudamel hier ein atemberaubendes Tempo wählt, schaffen es die vorzüglichen Holzbläser die horrenden technischen Schwierigkeiten vollkommen sicher zu meistern und dabei immer noch auf eindringliche Art, diese gefährlich exponierten Passagen musikalisch zu gestalten. Den Beweis, den sie in der Symphonie schuldig blieben, mit angemessener Leidenschaft auftreten zu können, liefern sie her: eine vitale, nervenzerfetzende und eines Jugendorchesters würdige Darbietung, die sämtliche Höhen und Tiefen menschlicher Leidenschaften durchschreitet.
Fazit: das Filetstück dieser CD ist zweifellos "Francesca da Rimini", während die Symphonie eher nur bei Dudamel-Anhängern oder Sammlern, die schon etliche andere Aufnahmen besitzen, Anklang finden dürfte. Überzeugendere Alternativen der Symphonie Nr. 5 wurden von Muti (EMI), dem in lyrischer Hinsicht unschlagbaren Jansons (Chandos) und von dem unglaublich brillanten Jewgeni Mrawinsky (DGG) eingespielt.