Mahlers 5. Sinfonie stellt in seinem Schaffen einen wichtigen Punkt da. Man könnte durchaus behaupten, es sei seine erste wirkliche Sinfonie, nachdem die erste ja ursprünglich als Sinfonische Dichtung gedacht war und die drei folgenden Sinfonien durch die Beteiligung von Chören und/bzw. von Gesangssolisten zu den Sinfoniekantaten gerechnet werden können.
Aber sei es wie es sei, dieses Herumreiten auf musikalischen Fachbegriffen wird diesem Werk nicht gerecht. Ich habe oft gerätselt, warum mich gerade Mahlers 5. Sinfonie so sehr anspricht und warum sie auch mir persönlich als Einschnitt in Mahlers Werk erscheint. Vielleicht hängt dies mit den veränderten Lebensumständen des Komponisten in dieser Zeit zusammen (die Heirat mit Alma Schindler, das Warten auf das erste gemeinsame Kind, gleichzeitig aber auch beträchtliche gesundheitliche Probleme), vielleicht aber auch damit, dass sich Mahler in dieser Zeit intensiv mit der Musik Johann Sebastian Bachs auseinandersetzte und so auch eine höhere Bedeutung des Kontrapunkts in dieser Sinfonie hörbar wird. Möglicherweise ist es auch eine Kombination aus diesen Faktoren, ich kann es nicht mit letzter Sicherheit sagen.
Jedenfalls wohnt diesem Werk Mahlers in meinen Augen eine besondere Magie inne. Eine Magie, die Claudio Abbado und das Chicago Symphony Orchestra meisterhaft einzufangen und zu transportieren verstehen. Bei jedem Satz sind Mahlers Satzbezeichnungen wirklich Programm. Sei es beim Trauermarsch "in gemessenem Schritt", oder beim 2. Satz (dem eigentlichen Haupsatz), der hier wirklich "mit größter Vehemenz" präsentiert wird. Auch der darauffolgende ausgedehnte Scherzo-Satz (welcher den zweiten Teil dieser Sinfonie bildet, nachdem der erste Teil von den ersten beiden Sätzen konstituiert wurde) wird wahrlich überzeugend herübergebracht. Im dritten Teil begegnet dem Hörer dann der berühmte 4. Satz, das Adagietto, das so viele Menschen aus der Verfilmung von Thomas Manns "Tod in Venedig" kennen. Dieser Satz findet sich oft alleinstehend auf Klassik-Samplern. Dadurch jedoch wirkt er wahrlich kitschig und man wird Mahler nicht gerecht. Doch im Zusammenhang der gesamten Sinfonie erfüllt dieser Satz eine fast heilsbringende Wirkung und wirkt dadurch überhaupt nicht kitschig oder fehl am Platze. Nach den bisweilen aufwühlenden ersten drei Sätzen ist der vierte Satz wie ein kühler Lappen auf das erhitzte Gemüt des Zuhörers, wohltuend und manches lindernd. Abbado nimmt die Bezeichnung "sehr langsam" hier vielleicht etwas zu genau, sodass man fast von "sehr sehr langsam" sprechen kann, wenn man sich die Spielzeit von knapp zwölf Minuten vor Augen hält. Hört man ihn aber, dann fühlt sich das nur natürlich und richtig an. Von einem verschleppten Tempo kann also nicht die Rede sein. Nach der Erholungspause des 4. Satzes vermag es das Orchester auch wieder im Rondo-Finale (sozusagen wahrlich ein "klassischer" Rückgriff Mahlers, in dem er das Rondo mit kontrapunktischen Elementen und seiner eigenen Tonsprache vereint), dem 5. Satz, noch einmal "frisch" aufzuspielen und Mahlers 5. Sinfonie gelungen und rund abzuschließen. Nach diesem eindrucksvollen Finale bleibt man auch mit Rückblick auf die letzten gut 70 Minuten dann auch erstmal gerne sitzen und lässt die Musik und die hinterlassenen Eindrücke noch einmal nachhallen, ehe man aufsteht um die CD wieder aus dem Player zu nehmen oder gar erneut auf "Play" zu drücken.
Abschließend lässt sich sagen, dass man hier nicht nur ein herausragenedes musikalisches Werk eines Komponisten bekommt, der bildlich gesprochen gleich auf mehreren Ebenen mit einem Bein im 20. und dem anderen im 19. Jahrhundert stand (vielleicht sogar in noch ganz anderen Jahrhunderten...), sondern auch eine vorzügliche Interpretation eben dieses Werkes. Claudio Abbado schafft es, diese Sinfonie weder zu sezieren noch in romantisch-süßlicher Soße zu ertränken. Da wo es sein muss rührt er durchaus kräftig an den Gefühlen des Zuhörers, jedoch geht dies nie zu Lasten der Struktur, die immer klar und deutlich hörbar bleibt. Man folgt diesem Werk in dieser Interpretation automatisch mit aufmerksamen Ohren, was sich wirklich lohnt. Über die Klangqualität muss man nicht lange diskutieren, sie ist ebenfalls ausgezeichnet, voll und klar, an den entscheidenden Stellen kommen auch klangfarbentechnisch die "Untiefen" richtig zur Geltung. Das mitgelieferte Booklet ist schön gemacht, liefert demjenigen, der mit Mahler einigermaßen vertraut ist aber keine großartig neuen Erkenntnisse, ist jedoch für den Einstieger durchaus lesenswert (man darf ja nicht vergessen, dass es sich hier um die entrée-Serie handelt). Kurz und gut ist diese CD sowohl für den mit Mahlers Kompositionen vertrauten Hörer als auch für solche, die es noch werden wollen eine äußerst hörenswerte Bereicherung der Sammlung.