Die vierte Sinfonie von Gustav Mahlers ist für meinen Geschmack die am wenigsten spannende. Ihr Tonfall ist im Vergleich zu den beiden vorausgegangenen Monumentalwerken eher lieblich und kindlich naiv, obwohl auch die Vierte sich mit dem Thema der Glaubensfindung auseinandersetzt. Auch sind ihre Dimensionen wesentlich überschaubarer: Mit einer Spielzeit von nur 50 bis 60 Minuten zählt sie mit Mahlers Erster zu seinen kürzesten Sinfonien.
Pierre Boulez' Analytik, die allenthalben teils zurecht angeprangert wird im Hinblick auf das Oeuvre Mahlers, tut dieser Sinfonie sehr gut, befreit sie von überflüssigem Kitsch und macht sie zu einem unwiderstehlichen Klangereignis.
Der Beginn des ersten Satzes erinnert unweigerlich an den Habitus zahlreicher Wunderhornlieder. Daraus entwickelt sich ein leichtes, eingängiges Thema, das den Satz durchzieht. Zahlreiche Nebenthemen verweben sich zu einem technischen Meisterwerk, wobei Mahler in diesem Satz, genauso wie im zweiten und vierten, weitgehend darauf verzichtet, Akzente in Form von Fortepassagen zu setzen. Boulez' Clevelander gestalten diesen Satz unheimlich transparent und gut durchhörbar, so dass sich viele neue Facetten auftun.
Der zweite Satz ist ein liebliches, mäßiges Scherzo, über dem beständig die gellende Fratze des Teufels schwebt, dargestellt durch die höher gestimmte erste Geige. Der Satz wirkt sehr naturverbunden und naiv. Mahlers Konzept in diesem Satz läuft dahin, aus der fein perlenden Bewegung ein Ganzes zu weben, was Boulez perfekt umsetzt.
Das Gravitationszentrum des Werkes ist freilich der dritte und größte Satz, das Adagio. In seiner Anlage erinnert er an das Finale der dritten Sinfonie. Der Tonfall ist pathetisch, aber nicht schmerzvoll. Das ruhig Fließende wird an einigen Stellen von Ausbrüchen des Orchesters, den lange ersehnten Akzenten, unterbrochen. Bisweilen werden dieselben als eine Gewissheit dessen gedeutet, dass ein Ende kommt und dass es von oben kommt und nicht abgewandt werden kann. Dieser Interpretationsansatz verliehe dieser Sinfonie freilich etwas wesentlich schwerwiegender Tragisches, als den beiden vorigen Sinfonien. Boulez nimmt von schwebender Poesie und klebrigem Pathos weiten Abstand. Kühl und distanziert stellt er die vermeintliche Apokalypse dar. Dieser Satz erhält dadurch etwas kaum in Worte zu fassendes Erhabenes, aber auch Erhebendes.
Der letzte Satz scheint lieblich zu verklingen. In keinem Akkord deutet Mahler an, dass das Ende der Sinfonie bevorsteht. Stattdessen lässt er ein Engelein von den himmlischen Freuden singen. Dieses Lied ist freilich naiv und hat als Hauptthema das Essen und die Musik. Juliane Banse schafft es durch ihre wundervolle Stimme, dem Gesang die Kindlichkeit angedeihen zu lassen, die notwendig ist, auf dass der Hörer erkenne, dass das Gesungene nicht die Quintessenz alles Himmlischen sein kann. Unendlich tragisch ist gleich einer der Anfangsverse "drum tun wir das Irdische meiden". Mahler verstellt die Aussicht auf ein "ewig, selig Leben", die er in seiner zweiten Sinfonie ja so vehement angepriesen hatte.
Fazit: Orchestral und gesanglich eine astreine Leistung! Die Tonqualität ist perfekt. Boulez hat es geschafft, diesem recht unspektakulären Werk noch etwas Neues, Aufregendes abzugewinnen.