Mit den Werken von Johannes Brahms ist es so eine Sache. Sie entsprechen nicht dem Massengeschmack. Aber sie zählen zu den wertvollsten Werken der Musikliteratur. Besonders die 3.Sinfonie. Von vielen Dirigenten verpönt, da ihr Schluss so ruhig ist und sich kein Dirigent damit feiern lassen kann. Dazu braucht es uneitle Dirigenten, eben Herbert Blomstedt oder Claudio Abbado. Künstler, die das Werk nicht abstrakt sehen, denn diese Sinfonie ist Programmmusik. Und zwar als Rheingauwanderung. Brahms hat sie in Wiesbaden komponiert. Und die Ausführenden tuen gut daran, dieses Werk mit Hingabe statt mit kalter Perfektion zu spielen. Das machen hier die Berliner Philharmoniker in hervorragender Weise. Sie verarbeiten mit dieser Produktion die Schwierigkeiten, die sich am Ende der Karajan-Ära auftaten. Alle Mitwirkenden musizieren mit dem Bewusstsein, dass sich Zeiten wenden. Zwei Monate zuvor starb Karajan. Gerade war die DDR dabei, unter zu gehen. Und so geriet die Produktion auch unter besondere Umstände. Schließlich sollte sie dazu beitragen, dass Claudio Abbado zum neuen Chefdirigenten gewählt wurde und die Philharmoniker in einem vereinten Berlin verankerte.
Unter den vorliegenden Aufnahmen der 3.Sinfonie ist diese die gelungenste. Abbado verlangte verdoppelte Holzbläser und eine durchsichtige Intonation der Streicher, fern von karajanscher Opulenz. Schließlich standen ihm reife Musiker zur Verfügung für diese Reifewerke des Komponisten.
Schöner habe ich die Brahms-Sinfonien nur mit dem Gewandhausorchester unter Herbert Blomstedt erlebt. Bleibt zu hoffen, dass er einen Zyklus der Nachwelt überlässt.