Der britische Dirigent Jonathan Nott und das fränkische Traditionsorchester liefern schlicht und ergreifend eine phantastische Aufnahme von Mahlers Auferstehungssymphonie. Schon die ersten Läufe der tiefen Streicher reissen mit, die Holzbläser intonieren intensiv, "klezmerisch", bis zum ersten ja schon gewaltigen Orchestertutti wird ein gewaltiger Sog erzeugt, der sich regelrecht in den knallharten Pauken und Trompeten entlädt. Diesen ersten Eindruck musste ich dann gleich überprüfen und legte Boulez Aufnahme mit den Wienern auf, die mir bisher auch nicht schlecht gefiel: Was für ein Unterschied, bei Boulez kommt alles spannungslos und nüchtern, da baut sich gar keine Spannung auf - im direkten Vergleich ein verblüffendes Ergebnis zugunsten Bambergs. Auch am Satzende, der meistens diffus verdämmert, baut Nott einen schaurigen Todesmarsch auf, der abrupt in sich zusammenstürzt - eine Vorahnung schon auf den Höhepunkt des 1.Satzes der Neunten.
Und die Aufnahme hält die Spannung über die gesamten 85 Minuten. Mahlers 2. ist ja eigentlich mehr sinfonische Dichtung und Instrumental-Oper als eine formal strenge Sinfonie. Ohne irgendwie Esoteriker zu sein, packt einen dieses menschliche Grundthema, das Mahler hier darstellt, doch immer wieder: Was ist nach dem Tode, wo kommen wir her und wo geht es hin? In schon Hollywoodscher Manier lässt Mahler in den Sätzen 1, 3 und 5 die Welt zusammenkrachen, spendet mit Streichern und Altsolo in den Sätzen 2 und 4 Trost und führt uns dann quasi gereinigt zur Apotheose des "Auferstehn, ja Auferstehn wirst du oh Mensch". Diesem Sog kann man sich einfach nicht entziehen. Aber es birgt auch die Gefahr übergroßer Emotion, ja banal und kitschig zu wirken.
Mit einer Kombination von Ekstase und eiskalter Kontrolle meistert Nott diese Gefahr und zeigt sich damit als ganz großer Dirigent der - soll man noch sagen - jüngeren Generation. Lioba Braun singt ihr Altsolo volominös, tief und trotzdem herb. Auch Anne Schwanewilms singt ihre leider nur kurzen Sopransolos mit schmerzhafter, weitgehend vibratoloser Intensität. Der Bamberger Chor erinnert fast an einen englischen Chor, kein weites Wabern sondern textverständlich, klar und deutlich wird hier wie in einem Madrigal gesungen, dadurch auch unsentimental und weit weg von oft kitschiger Übertreibung a la Bernstein.
Das Live-Aufnahme ist aufnahmetechnisch eine Spitzenleistung, die großen Orchestertumulte werden so durchhörbar wie nie dargeboten, die Fernwirkungen der Bläser haben wohl auf den Surround-Klang gewartet. Aber auch auf der Stereoanlage begeistert der dann etwas trockenere Klang genauso und unterm Kopfhörer (zur Schonung der Nachbarn) meint man endgültig mitten im Orchester zu sitzen.
Verblüfft ist man am Ende schon, dass ausgerechnet aus Bamberg von einer kleinen Schweizer Firma so eine grandiose Aufnahme kommt und jetzt viele bekanntere Namen in den Schatten stellt: Boulez wirklich ernüchternde Sicht (Mahler dry), Abbados immer weiter ausgedürrten Klang mit den Berlinern, Chaillys Wohlklang-Manierismen, Gergievs Brutalitäten incl. russischen Sängern mit parodistischen Teitsch, Rattles freundliche Unverbindlichkeit. Aber auch Sakrosanktes wie Bernsteins Übertreibungen, ständige Temporückungen und undurchörbare Klangblähungen oder Soltis eiskalte Blechorgien werden über ihren unbestrittenen historischen Wert hinaus durch diese Neuaufnahme relativiert.
Freuen wir uns auf die Fortsetzung des Zyklusses auf gleich hohem Niveau, das auch die bisher erschienen Nrn. 1, 4, 5 und besonders die Neunte aufweisen.