Wenn Paavo Järvi (Bremer Kammerphilharmonie) musikalische und geographische Grenzen überschreitet, Klassik und Romantik also in Richtung Barock oder Moderne verlässt und mit international besetzten Ensembles zusammenarbeit, dann - fürwahr - darf man gespannt sein. Das hat seine jüngste Aufnahme von Faurés Requiem eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
Das vorliegende Album, eine Aufnahme von Mahlers zweiter Sinfonie (1888-1894), der so genannten Auferstehungssinfonie, ist 2009 entstanden. Es wirken mit: Das Sinfonie-Orchester des Hessischen Rundfunks, der Chor "Orfeón Donostiarra", Natalie Dessay (Sopran) und Alice Coote (Mezzosopran).
Bis heute gilt die Einspielung der Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Zubin Mehta von 1975 als Referenzaufnahme - eine Einschätzung, die der Rezensent aufgrund der inzwischen recht deutlichen Patina dieser Aufnahme nicht teilt.
Mahlers zweite Sinfonie knüpft in ihrer sinfonisch-instrumentalen Gestaltung zwar noch an die erste Sinfonie (Satz 1-3) an, weist thematisch und in ihrer vokalen Inszenierung (Satz 4 und 5) aber schon voraus auf die späte achte Sinfonie.
Zeitlich steht sie am Beginn von Mahlers Schaffen, musikalisch umfasst sie fast Mahlers gesamtes Oeuvre. Das ist recht überschaubar; trotzdem ist Gustav Mahler (1860-1911) der bedeutendste Komponist des 20. Jahrhunderts; seine Musik markiert den Übergang von der Spätromantik zur Moderne.
Sie ist musikalischer Ausdruck des zumal in Wien universell erfahrbaren Fin de Siecle, Kulminationspunkt und radikale Infragestellung der klassischen und romantischen Sinfonik und sie ist vor allem eine in Klang gegossene Natur- und Zivilisationsphilosophie. Eine, die die Ambivalenz zwischen harmloser Folklore und großstädtischer Neurasthenie, zwischen Naturklang und Militärkapelle, zwischen vermeintlicher Transzendenz und trivialer Endlichkeit buchstäblich ausspielt.
In diese Ambivalenz gehört das Verhältnis von Stimme und mechanischem Klang; nahezu Mahlers gesamtes Schaffen ist Vokalsinfonik. Wenn auch oft nicht direkt hörbar, so ist die menschliche Stimme stets gemeint; und sei es, als unterdrückte, als Abdruck, als Abwesendes.
Mahlers Musik geht der so genannten Zweiten Wiener Schule (Berg, Schönberg, Webern) voraus; das bereits um die Jahrhundertwende vielfach geäußerte Ressentiment gegen den jüdischen Komponisten Gustav Mahler hat, verstärkt durch den Rassenwahn des nationalsozialistischen Terrors, zu einer sehr nachhaltigen Verdrängung seiner Musik geführt.
Insbesondere Leonard Bernstein hat sich in den 1960er Jahren verdient gemacht um die Musik Gustav Mahlers und gleichsam eine seither nicht mehr enden wollende Mahler-Renaissance eingeläutet. Kaum ein Komponist erfährt heute mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung in zahllosen Aufführungen, Einspielungen oder Buchpublikationen.
Das ist nicht so ganz selbstverständlich, denn Mahlers Musik ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht so ohne Weiteres zugänglich; immerhin bricht Mahler mit vielen Traditionen; er antizipiert die Atonalität und die Dissonanzen der so genannten Zwölftonmusik oder treibt musikalische Persiflagen ins Groteske.
Mahlers zweite Sinfonie ist bereits eine frühe Vollendung seines Schaffens; erst die achte Sinfonie wird die hier eingesetzte Intensität der Vokalsinfonik tatsächlich einholen und überbieten. Kaum ein Werk Mahlers wirkt bedrängender, zwingender und berührender als seine zweite Sinfonie, in der er, jeder ihm vielfach nachgesagten Todessehnsucht gänzlich abgeneigt, die Wiederauferstehung, ja seine persönliche Wiederauferstehungsphilosophie feiert. Die ist mit seiner Naturphilosophie aufs Engste verwoben und hat allenfalls äußerlich Züge einer christlichen Religion oder Theologie. Mahler bekannte sich vielmehr zu einem an Goethe angelehnten Pantheismus und so sind auch seine Kompositionen musikalischer Pantheismus.
Wie nun setzen Paavo Järvi und sein illustres Ensemble Mahlers klangphilosophische Deutung der Welt um?
Nun, in vielerlei Hinsicht wird der erwartungsvolle Hörer nicht enttäuscht: Järvi und die Frankfurter musizieren mit kammermusikalischer Sorgfalt, feingeistig, klar, beweglich und offen. Außerdem überzeugt ihre "Darstellung" durch eine atemberaubende Dynamik - dergleichen kennt man sonst nur von den Berlinern. Gleichzeitig wirkt die Interpretation gelegentlich zu analytisch und zu exakt. Sie tendiert insofern zur Distanziertheit, ohne allerdings intellektualistisch zu wirken.
Das kann man auch den Gesangssolisten, Alice Coote und Natalie Dessay, nicht anlasten. Dessay ist unter günstigen Bedingungen - und Järvi schafft solche Bedingungen (s. Faurés Requiem) - ohnehin eine Klasse für sich: ein glockenheller, leichter, völlig unangestrengt wirkender, wunderschöner Sopran, der seinesgleichen sucht. Nun bietet Mahlers zweite Sinfonie nicht soviel Raum dafür - es sind ja lediglich die Sopranpartien im Finale.
Alice Coote hingegen trägt akkurat und mit guter Textverständlichkeit vor, verfügt aber über keinen besonders klangschönen Mezzosopran - die Stimme wirkt gedrungen, gaumig, teigig. "Urlicht" und die Mezzo-Partien im Schluss-Satz hat man schon deutlich besser, schöner und eindrucksvoller gehört.
So bleibt alles in allem ein ambivalenter Eindruck zurück: Das Frankfurter Orchester unter Järvi gibt das Bild eines musikalischen Musterschülers ab, der technisch alles richtig macht, den Text liest, aber nicht sinnentnehmend, ohne Phrasierung, ohne Emphase. Weniger Geist als Buchstabe. - Und die beiden Vokalsolistinnen geben insgesamt ein zu uneinheitliches Bild ab. Einstweilen also orientiere man sich weiterhin an den einschlägigen Referenzeinspielungen, bevorzugt an der von Pierre Bouléz und dem Sinfonieorchester aus Chicago.