Als Benjamin Britten einmal einer Aufführung einer Mahler-Symphonie (welche, ist nicht überliefert) unter dem Dirigat von Pierre Boulez beiwohnte, fragte er sich hinterher, weshalb Boulez dieses Werk dirigiere, da es offensichtlich sei, daß ihm diese Musik nicht gefalle. Fraglos gehört Boulez zu den am kontrovers diskutiertesten Dirigenten unserer Tage; nun, da sein Mahler-Zyklus inzwischen vollendet ist, kann man in der Tat eine Bilanz ziehen. Boulez' Ansatz, der immer auf Transparenz setzt, trägt manchmal beeindruckende Früchte (Nr. 1 und 6), geht aber speziell bei der hier eingespielten Auferstehungssymphonie gründlich daneben. Um es vorwegzunehmen: ich halte diese Einspielung für die schwächste des gesamten Zyklus.
Die Wiener Philharmoniker hatten meines Erachtens nie eine besondere Affinität zu Mahler, was sich zum einen bereits in der problematischen Beziehung zwischen diesem Orchester und Mahler selbst zu dessen Lebzeiten äußerte, zum anderen aber auch dadurch manifestiert, daß die Anzahl bemerkenswerter Aufnahmen an Mahler-Symphonien mit diesem Orchester doch recht überschaubar ist. Gemeinhin assoziert man viele der besten Mahler-Aufnahmen doch eher mit dem Concertgebouw-Orkest Amsterdam oder dem Chicago Symphony Orchestra.
Die hier vorliegende Interpretation leidet darunter, daß in technischer Hinsicht zwar alles souverän gespielt ist, aber äußerst steril und farblos wirkt. Bereits das erste ff-Tremolo sollte einen vom Stuhl umwerfen, kommt aber stattdessen als ein Sturm im Wasserglas daher. Boulez versteht es nicht, diesem Werk die ihm innewohnende Dramatik zu entlocken. Wozu schreibt Mahler denn peinlich genaue Anweisungen in die Partitur, wenn diese einfach ignoriert werden? Das Klarinettensolo im 3. Satz ist unglaublich fade - von der Anweisung "mit Humor" ist hier nichts zu spüren. Auch der Kopfsatz fließt seltsam ziellos und unkonturiert dahin; wo bleibt die Leidenschaft, von der dieses Werk so sehr zehrt? Die dynamische Bandbreite ist (auch durch die matte Aufnahmetechnik bedingt) viel zu gering, die Tempi sind sehr statisch und in ihrer Gesamtheit wirkt diese Darbietung trotz aller stupenden Technik erschreckend matt und farblos. Überraschungsmomente (wie z.B. die zwei einleitenden Paukenschläge im dritten Satz) werden bei Boulez abgeschwächt, anstatt sie in ein grelles Licht zu tauchen. Die zündenden Ideen Mahlers werden hier zugunsten eines intellektuellen Ansatzes geopfert, damit die Struktur des Werkes anstatt seine Dramaturgie beleuchtet wird. Es ist indes kein Wunder, daß ein derartiger Ansatz bei der theatralischsten aller Mahler-Symphonien scheitern muß. Kammermusikalische Schönheit ist in einer Mahler-Symphonie einfach fehl am Platze. Ich verzichte darauf, auf die übrigen Sätze einzugehen, da es dort ebenfalls kaum einen bemerkenswerten Moment hervorzuheben gibt.
1975 glückte Zubin Mehta mit demselben Orchester eine der gelungsten Einspielungen dieses Werkes überhaupt. Wer aber auf die Wiener Philharmoniker verzichten kann, dem sei folgender Geheimtipp nahegelegt: Herbert Blomstedts Einspielung mit dem San Francisco Symphony Orchestra stellt alle anderen mir bekannten Einspielungen in den Schatten. Erstaunlicherweise verfolgt Blomstedt ähnliche Ansätze wie Boulez, setzt aber die Effekte weitaus besser um. Zudem ist auch die Aufnahmetechnik brillant.
Die hier vorliegende Einspielung sei nur denjenigen empfohlen, die einmal eine grundsätzlich anders geratene Einspielung kennenlernen möchten. Ansonsten handelt es sich um eine weitestgehend entbehrliche Einspielung, die viel zu unkonturiert daherkommt und mehr den Intellekt als die Gefühle anspricht - kaum vorstellbar, daß Mahlers Auferstehungsvision (seine 2. Symphonie nannte er einmal später sein bestes Werk) darauf abzielte. So wirkt der PR-Aufkleber auf dieser CD ("eine Erfahrung, die all denjenigen, die dachten, sie kannten ihren Mahler, die Augen öffnen wird") deplaziert, denn auf die Erfahrung mit einer derart blutleeren Darbietung kann man getrost verzichten.