Nach Cooke war Carpenter ein weiterer ernst zu nehmender Interessent für einen Rekonstruktionsversuch von Mahler's Zehnter. Er geht dabei noch weiter als Cooke, der nach eigenen viel zu bescheidenen Aussagen lediglich Mahler's Entwürfe aufführbar machen wollte. Carpenter fügte Stimmen, Harmonien, kontrapunktische Linien und Instrumente hinzu, um Mahler's Intentionen nach seiner Auffassung ein gutes Stück näher zu kommen (lt. tollem Beitext zur CD!).
Harold Fabermann hat diese Fassung ersteingespielt:
Er geht davon aus, dass Mahler wesentlich schnellere Grundtempi bevorzugte als man es heute praktiziere, und daher wählte Fabermann für diese Einspielung ein ungewöhnlich rasches Tempo, v.a. für die Adagio-Passagen zu Beginn und am Ende des Werkes. Das Adagio-Fragment, das noch aus Mahler's eigener Feder stammt, kennt man unverändert auch von vielen anderen Einspielungen, unabhängig von der Fassung, und daher ist eine Aufführung in wesentlich schnellerem Tempo gewöhnungsbedürftig und wirkt auf mich zudem etwas oberflächlich, da viele Stellen einfach nicht so schön zur Geltung kommen wie bei langsamerem Tempo. Positiv zu bewerten ist jedenfalls, dass es auch für diesen Umstand im Beiheft eine ausführliche Begründung gibt!
Ein größeres Problem bei dieser Einspielung ist bedauerlicher Weise die Dynamik der Aufnahme: Die lauten Passagen kommen nicht viel kräftiger zur Geltung als die leiseren! Das Klangbild wirkt dadurch etwas flach, wenn auch die Leistung des Orchesters selbst sehr überzeugend ist. Im ganzen handelt es sich um eine absolut verrückte und empfehlenswerte Aufnahme der Zehnten in einer nicht so geläufigen Fassung. Meiner Ansicht nach sollte man sich alle drei auf CD erhältlichen Fassungen der Zehnten zulegen, diese hier, die gängige von Cooke (z.B. mit Rattle/Berlin oder Sanderling/Berlin-Ost) sowie die von Mazzetti (Slatkin/Saint Louis)!