Dass ein zentrales Stück der Musik des letzten - des 20. - Jahrhunderts wie Berios "Sinfonia" im Niedrigpreissegment zugänglich gemacht wird, ist unbedingt zu begrüssen. Umso mehr, wenn es sich um eine so hervorragende Aufnahme handelt wie die hier vorliegende mit den Swingle Singers und dem Orchestre National de France unter Pierre Boulez.
Das Werk verlangt einen grossen orchestralen und elektronischen Aufwand, letzteren vor allem zur Verstärkung der Gesangsstimmen. Nur zwei der fünf Sätze tragen neben der Satznummer überhaupt eine Bezeichnung: Der zweite in Erinnerung an Martin Luther King "O King" und der dritte, "in ruhig fliessender Bewegung". Das ist die Tempobezeichnung des dritten Satzes von Gustav Mahlers zweiter Sinfonie - und den hat Berio als "Untergrund" für diesen Satz seiner "Sinfonia" gewählt. Wie ein Fluss, der durch eine Landschaft fliesse, dann und wann verschwinde und hinter dem nächsten Hügel wieder auftauche, so der Komponist, habe er den Mahlerschen Sinfoniesatz genommen. Dazu kommt vor allem ein Text von Beckett und eine reiche musikalische Bezugswelt, von Bach bis Schönberg, Stravinsky, Mahler (auch die 4. Sinfonie klingt an), Ravel und vielen anderen. Das lässt sich ungemein spannend hören, auch wenn man sonst "neuer" Musik unbedarft gegenübersteht. Urkomisch etwa, wie sich der Sänger, der den ganzen Satz über mit dem Beckett-Text beschäftigt ist, am Ende bei dem Dirigenten der Aufführung bedankt (dafür, dass er ihn hat reden lassen).
Pierre Boulez manövriert das grosse Ensemble mit den herausragenden Swingle-Singers sicher, gespannt und aufmerksam durch das komlizierte Geflecht von Berios - übrigens Leonard Bernstein gewidmeter - Partitur, einer "Sinfonia" weniger im Sinne der klassischen Sinfonieform als im ursprünglichen Sinne von "zusammen klingen". Das zugegebene Orchesterstück "Eindrücke" ist ein sehr dichtes, aber auch etwas monotones Orchesterstück, dass bei aller Könnerschaft in Bezug auf die Orchesterbehandlung nicht so überzeugend geraten ist wie die "Sinfonia", aber auch nicht so wenig gelungen ist, dass das Anhören nicht lohnt. Eine rundum empfehlenswerte Aufnahme, auch und gerade, wenn man sich einmal intensiver mit einem grossen neueren Werk auseinandersetzen will.