Der Dirigent Otto Klemperer, 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft aus Deutschland vertrieben, verbrachte seine letzten Lebensjahre in London und leitete dort das von Walter Legge 1946 gegründete Philharmonia Orchestra, eine ausgezeichnete Orchestervereinigung, die in erster Linie zu Schallplattenproduktionen herangezogen wurde, aber auch im Londoner und internationalen Konzertleben eine herausragende Rolle spielte.
Zwischen 1960 und 1971 nahm Klemperer mit diesem Orchester insgesamt acht späte Haydn-Symphonien auf, und zwar die Nrn. 88, 92, 95, 98, 100, 101, 102 und 104. In Deutschland waren die Aufnahmen zwar schon einmal auf CD erschienen, aber seit vielen Jahren nicht mehr greifbar. So ist es lebhaft zu begrüßen, daß die EMI sich nun entschlossen hat, Klemperers komplette Haydn-Aufnahmen als preiswerte 3 CD-Box dem Interessenten wieder vorzulegen.
Es sind Aufnahmen abseits der üblichen Routine, streng analytisch, ja ein wenig kantig, um nicht zu sagen knorrig und entsprechen damit dem Stil des Dirigenten, den dieser in jenen Jahren allgemein vertrat. Da er mit seiner Auffassung aber zu faszinierenden Interpretationen fand, werden die Aufnahmen ihren Wert behalten und sind nicht nur für die zahlreichen Klemperer-Verehrer, sondern auch für die Liebhaber von Haydns Symphonik unverzichtbar. Der Dirigent benutzt zwar, soweit ich das feststellen konnte, nicht die gereinigten Robbins Landon-Fassungen, sondern korrumpierte Partituren (wie sein großer englischer Kollege Sir Thomas Beecham), aber seine klar strukturierten Deutungen verraten an jeder Stelle eine unüberhörbare Zuneigung zu Haydns Werken. Das ist auch deshalb besonders hervorzuheben, weil diese Musik in den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg von den Stardirigenten wenig geschätzt war. Wer Doratis verdienstvolle Gesamtaufnahme mit der Philharmonia Hungarica (Decca) besitzt, erhält hier glänzende Alternativen, die zu manchem Vergleich herausfordern.
Die Klangqualität ist nach digitaler Überspielung auf hohem Niveau, und auch das dreisprachige Textheft ist in Ordnung. Allerdings enthält es nur kurze Einführungen in die eingespielten Werke, aber der interessierte Hörer erfährt kein Wort über Klemperers grundsätzliche Einstellung zu Haydns Sinfonik und seine doch etwas willkürlichen Auswahlkriterien. Ansonsten eine höchst verdienstvolle Wiederveröffentlichung, die hoffentlich den Zuspruch erhält, den sie verdient.