Nun ja, irgendwie gleicht dieses Album ja schon einem kalten Motor: Es dauert ein bisschen, bis das Gefährt von Gardenian hier in Fahrt kommt; aber dann ... ja, aber dann...
Eigentlich hätten es sich die Schweden ja relativ einfach machen können. Hatten Gardenian mit ihren Alben "Two Feet Stand" und vor allem mit "Soulburner" zwei absolute Melodic Death Knaller hingelegt, wäre der logische Schritt wohl einfach ein drittes Hammeralbum nach Göteborger Schule gewesen. Zudem hatte das Genre zu jenem Zeitpunkt mit zeitgleichen Veröffentlichungen von Dark Tranquillity, Soilwork, In Flames und vielen weiteren mehr als nur genug Auftrieb. Schliesslich wäre der Apfel nicht einmal soweit vom Stamm gefallen: Gardenian-Chefpauker Niklas Engelin hatte schliesslich bei In Flames' Tour zu Whoracle die Saiten gezupft.
Doch die Herren entschieden sich wohl anders, und schenkten uns ein Album, das wohl manchen Melodic Death Fan (inklusive den Autor dieser Zeilen) anfangs relativ perplex zurückliess. Mit zehn Songs, von welchen gerade mal zwei weniger als 6 Minuten Spiellänge aufweisen, betraten die Herren ziemlich viel Neuland. Da sind zum einen - nebst den traditionellen Growls - die cleanen Vocals: Nach den Gastauftritten von Eric Hawk (Artch) auf "Soulburner" schien das Konzept zu gefallen. Doch anstatt einen guten und heroischen Sänger zu mimen, mischen Gardenian die cleanen Vocals mit viel Echo und einigen Spezialeffekten fast als Flächen und Hintergrundkulissen in die Refrains, klagend und faszinierend. Da sind aber auch die heruntergestimmten Gitarren, die unüblich roh und fast brei-artig daherkommen; schwer und erdrückend, mit wenig Gefrickel, aber dafür als Wand. Doch ist es vielleicht hier, wo man sich etwas mehr exakten Punch im Sound gewünscht hätte - manchmal wird es einfach zuviel Brei. Und schliesslich ist es das Songwriting an sich: Die meisten Songs sind im Midtempo gehalten, und Arrangements folgen kaum herkömlichen und Hit-sicheren Mustern. Einzelne Riffs werden zelebriert und variiert.
Doch man muss schon mutig sein, um eine Scheibe mit einem 8 minütigen, orientalisch angehauchten Midtempo-Track zu beginnen ("Selfproclaimed Messiah"). In der Tat reisst das Stück denn auch nicht wirklich mit - daher der Vergleich zum kalten Motor. Auch Track Nummer 2 ("Doom & Gloom") vermag noch nicht so ganz zu überzeugen und verpasst etwas die Überraschungsmomente. Der Song skizziert aber mit straighten Death-Riffs und einem ersten eingängigen und melodiösen Refrain die Richtung, in die es nun gehen soll.
Spätestens mit "Long Snap to Zero" ist allerdings Gardenians Karre warmgelaufen, und mischt klasse, tonnenschweres Stampfen mit eingängigen Riffs. Jetzt stimmen auch die Harmonien, oft in Dur gehalten, und verleihen der Scheibe exakt das gewisse Etwas. Es sind diese schwermütigen, melancholischen Riffs und Refrains, welche sich in alle Hirnwindungen fressen werden. In die gleiche Richtung gehen auch "Heartless", "Sonic Death Monkey" und das geniale "Funeral", welches die Scheibe als Grande Finale abschliesst.
Andere Stücke erinnern eher noch an vergangene Taten Gardenians, so das knallharte und düstere "Scissorfight", oder das Titelstück "Sindustries" - die schönste unter allen Perlen auf dieser Scheibe.
Mit der Scheibe haben es sich Gardenian nicht einfach gemacht, und es ist schade, dass es seither still um die Jungs geworden ist. Ich hätte gerne gesehen, was sich hier noch alles entwickelt hätte. Vielleicht haben Gardenian mit "Sindustries" eines der unterbewertetsten Alben des (Melodic Death) Metal abgeliefert; ein Album, das entdeckt werden will, und für welches man sich zuerst etwas erwärmen muss. (Wer den tragisch-rührenden Stil von Gardenians "Sindustries" mag, dem sei auch Passenger empfohlen - denn dort spielte ja fast die halbe Gardenian Truppe mit, und schien sich durchaus noch an ihr Werk Sindustries zu erinnern.)
4 Sterne für ein Album, das mit einem etwas punchigeren und klareren Sound und einem anderen Opener die maximale Punktzahl mehr als nur verdient hätte.