Als sich am 07. April 1994 der ebenso begabte wie charismatische Sänger Kurt Cobain eine Ladung Schrot in den hübschen und wahrscheinlich zugedröhnten Kopf jagte, starb mehr als nur das Aushängeschild des Popphänomens namens Grunge.
Grunge stellte die notwendige Weiterentwicklung einer Tradition dar, die mit Garagenband wie den Seeds begann und sich über die Stooges und die Pixies fortsetzte. Ende der achtziger Jahre schienen sich alle Freunde ehrlichen Rocks an der amerikanischen Westküste, genauer in Seattle versammelt zu haben. Das lokale Sub Pop Label veröffentlichte wie aus heiterem Himmel Aufsehen erregende Platten von Bands wie den Melvins, Soundgarden, Mother Lovebone und eben Mudhoney. Letzteren kam dabei die Ehre zu Teil, mit dem Song „Touch me I'm sick" den Prototyp des Grungesongs geliefert zu haben. Angeblich soll dieses Lied einer Stripperin und der späteren Frau Cobains einmal das Leben gerettet haben, sie gründete völlig beeindruckt ihre Kapelle Hole. 1994 war das alles mir einem Schuss vorüber.
„Wir sind die einzige Grunge-Band, die 1995 noch übriggeblieben ist," gaben Mudhoney anlässlich der Veröffentlichung von „My brother the cow" zu Protokoll. „Das ist auch 2002 so", möchte man beim Hören der aktuellen Scheibe hinzufügen und natürlich noch auf die ebenfalls überlebenden Pearl Jam verweisen.
Wie schon den Vorgänger, das in Deutschland nur als US-Import verfügbare „Tomorrow hit today", hat Ex-Stones Pianist („Wild horses") und Replacements Entdecker Jim Dickinson auch „Since we've become translucent" produziert. Zum Glück, denn an den Kompositionen der Vier aus Seattle hat sich wenig geändert. Auf der einen Seite erinnert vieles an den wirklichen „Godfather of Grunge" Iggy Pop, auf der anderen an Black Sabbath Gitarrenriffs auf 45 Umdrehungen. Auffällig und ein wenig überflüssig ist nur, dass diesmal noch eine kräftige Portion 70er Spacerock dazukommt.
Jim Dickinson nun ist es gelungen, das Klanguniversum von Mudhoney beachtlich zu erweitern. Allein die Bläsersätze und Chöre bei einigen Liedern tun dem Ganzen richtig gut. Dabei geht nichts von der ursprünglichen Härte verloren, ganz im Gegenteil. Mudhoney gelingt es so, sich von gängigen Punk- oder Neo-Rock Klischees abzuheben und die immer noch glühende Wut und Frustration auf eine Weise zu transportieren, die den Hörer nicht gleich langweilt oder an bessere Zeiten denken lässt. Man höre sich nur einmal das treibende „Sonic infusion" an. Da werden selbst „Primal Scream" neidisch.
Mudhoney sind im Jahr 2002 zwar nicht die letzte übriggebliebene Grunge-Band, aber auf jeden Fall die, die am wenigsten nach Verwesung riecht.