Dieses Buch habe ich monatelang mit mir herumgetragen, weil die Erzählungen nicht nur Geschichten, sondern zugleich Lebensarten sind. Immer geht es um (bewußt) eingeschränkte Wahrnehmung der Wirklichkeit. Zum Beispiel bei dem jungen Mädchen, das ihre Tage damit verbringt, im Bett zu liegen und sich auf den Besuch im Schönheitssalon zu freuen, und die sich geduldig von ihrem verheirateten Liebhaber anhört, sie müsse endlich anfangen, ein ordentliches Leben zu führen. Oder Miranda, 7,5 Dioptrien beidseitig, die sich weigert eine Brille zu tragen, weil sie sich, klaren Blickes, von Menschen voller Haß und Mordlust umringt sieht. So erkennt sie ihren Mann an Tonfall und Gesten, baut auf spärlichen Umrissen Phantasien auf - mehr will sie nicht von der Realität. Die beste Geschichte aber ist "Das Gebell": Eine Mutter wird von ihrem erfolgreichen Sohn gemieden und von der Schwiegertochter umsorgt. Beide halten das Bild des liebenden Ehemannes und anerkannten Wissenschaftlers aufrecht, obwohl die Frau immer mehr spürt, daß die Alte ganz andere Dinge weiß. Inzwischen wird der Mann immer unleidlicher, es ist auch nicht seine erste Frau, und die Mutter wird von neurotischen Ängsten geplagt. Die wahrhaftige Beziehung der beiden Frauen, die auf einer Lüge beruht, aus der sie beide nicht flüchten, ist so fein und zerbrechlich, daß man beim Lesen den Atem anhält. Viel konkreter als in ihrer (von mir nicht sonderlich geschätzten) Lyrik zeigt Ingeborg Bachmann in diesen Geschichten, wo die Kunst Raum hat in der Wirklichkeit. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)