"Es ist nicht wichtig, ob irgendwas stimmt, es muss nur gut (!) erfunden sein".
(Chefredakteur Lammers in "Die Varus Legende" von Thomas R. P. Mielke)
Beim Bau des 19,8 Km langen, ersten Simplontunnels (1898 - 1906) wurde erstmals in einem Achsenabstand von 17 Metern ein Parallelsohlstollen gebaut, der alle 200 Meter mittels eines Querstollen mit dem Haupttunnel verbunden wurde. Durch die im Parallelstollen verlegten Lüftungsrohre wurden die Arbeiter unter Tage mit Frischluft versorgt. Der Tunnelvortrieb erfolgte an zwei Bausstellen. Von schweizerischer und italienischer Seite gab es zwei Vortriebe, die am 24. Februar 1905 mit dem Durchschlag des Richtstollens zusammentrafen. Als der Tunnel am 19. Mai 1906 eingeweiht wurde, waren aus der ursprünglich veranschlagten Bauzeit von 5 1/2 Jahren schließlich 7 1/2 Jahre geworden.....
.....soviel zu dem zeitlichen Rahmendes Romans. In seinem Dankeswort (S. 358) schreibt Wolfgang Mock, dass sein Urgroßvater, der Ingenieur Hans Beißner (1860-1932), den Vortrieb auf der italienischen Seite des Tunnels geleitet hatte. Gleichwohl der Autor namentlich kein Familienmitglied in seinem Roman auftreten lässt, wird deutlich, dass er dennoch viel Herzblut investiert hat.....
....denn seine Charaktere und ihre Schicksale sind in einem hohen Maße differenziert und überzeugend dargestellt. So der Ingenieur Bellmer, der den Vortrieb auf italienischer Seite leitet (S. 44) mit seiner Familientragödie. Ingegnere Alessandro Tesso und seine Frau Gianna Tesso, die voller Hoffnung auf den Tunnel und Frieden im neuen Jahrhundert ihren dort geborenen Sohn den Vornamen des italienischen Anarchisten Errico Malatesta (S. 18) geben. Arzt Cesare Lenga, der mit seiner Frau Paola zusammen gegen die katastrophalen medizinischen und hygienischen Verhältnisse in den Holzhütten einer ausgebeuteten Arbeiterschaft kämpfen muss. Die Prostituierte Marcella und der 15jährige Pietro "Pico" Colesso, die auf ihre Weise ihr Glück machen wollen. Schließlich der Ingenieur Andrea Noce, der sich dem Klassenkampf verschrieben hat. Geschichten von Liebe, Glaube, Hoffnung und Enttäuschung.....
Der Leser bekommt einen bleibenden Eindruck einer Ära, die später einmal als das Stählerne Zeitalter bezeichnet werden sollte. Am Wendepunkt zum 19. Jahrhundert führen Konfessionen und Ideologien einen großen Wettkamp um die Menschen. Mit einer Reihe von Anspielungen ist es Mock auch gelungen, seinen Roman in einen historischen Gesamtkontext einzubetten. Einige Beispiele: Als Vorgriff auf die 1928 uraufgeführte "Dreigroschenoper" genießt Bert Brechts "Erst kommt das Fressen, dann die Moral" bereits Aktualität (S. 47). Auf der einen Seite wurden demonstrierende Arbeiter in Mailand von der Kavallerie durch die Stadt getrieben und erschossen (S. 134). Andererseits entzauberte das gelungene Attentat auf die österreichische Kaiserin Elisabeth durch Luigi Luccheni (S. 39, 133) und die Ermordung König Umbertos durch Getano Bresci (S. 145) einen friedlich-utopisch geprägten Anarchismus. Das 1899 patentierte "Aspirin" (S. 138) kommt bereits zum Einsatz, kann jedoch die unter den Arbeitern weit verbreitete Syphilis (S. 280) nicht entgegenwirken. Die Folgen der "Krüger Depesche" Kaiser Wilhelms II. (S. 144) und der zweite Burenkrieg werden genauso kurz erwähnt, wie der "Amerikanisch-Spanische Krieg", der Japanisch-Russische Krieg (S. 236) oder die "Gebrüder Wright" (S. 285). Breiten Raum nehmen jedoch das "Kommunistische Manifest", die "Partitio Socialista Italiano" (S. 171 ff.), die Errichtung einer Arbeitervertretung (S. 179) und Streiks ein. Bei den Fragestellungen "Wem nützt der Tunnel?"(S. 60), bzw. "Wozu verschwinden beim Tunnelbau über 200 Kg Dynamit" (S. 126) wird der Leser miteinbezogen.
Wolfgang Mock hat mit seiner ergreifenden Geschichte nicht nur das Eingangspostulat voll und ganz erfüllt. Von den drei, im Jahre 2008, vom "Autorenkreis Historischer Roman - Quo Vadis" mit dem "Sir Walter Scott Preis" ausgezeichneten Romanen hat er das realistischste Bild gezeichnet und damit das Attribut "historisch" (auch wenn vom Verlag Tisch 7 darauf verzichtet wurde) mehr als verdient. Das gelungene Buchcover hält, was es verspricht. 5 Amazonsterne.