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5.0 von 5 Sternen
Realistischer historischer Roman, 26. Dezember 2008
Rezension bezieht sich auf: Simplon (Gebundene Ausgabe)
"Es ist nicht wichtig, ob irgendwas stimmt, es muss nur gut (!) erfunden sein". (Chefredakteur Lammers in "Die Varus Legende" von Thomas R. P. Mielke) Beim Bau des 19,8 Km langen, ersten Simplontunnels (1898 - 1906) wurde erstmals in einem Achsenabstand von 17 Metern ein Parallelsohlstollen gebaut, der alle 200 Meter mittels eines Querstollen mit dem Haupttunnel verbunden wurde. Durch die im Parallelstollen verlegten Lüftungsrohre wurden die Arbeiter unter Tage mit Frischluft versorgt. Der Tunnelvortrieb erfolgte an zwei Bausstellen. Von schweizerischer und italienischer Seite gab es zwei Vortriebe, die am 24. Februar 1905 mit dem Durchschlag des Richtstollens zusammentrafen. Als der Tunnel am 19. Mai 1906 eingeweiht wurde, waren aus der ursprünglich veranschlagten Bauzeit von 5 1/2 Jahren schließlich 7 1/2 Jahre geworden..... .....soviel zu dem zeitlichen Rahmendes Romans. In seinem Dankeswort (S. 358) schreibt Wolfgang Mock, dass sein Urgroßvater, der Ingenieur Hans Beißner (1860-1932), den Vortrieb auf der italienischen Seite des Tunnels geleitet hatte. Gleichwohl der Autor namentlich kein Familienmitglied in seinem Roman auftreten lässt, wird deutlich, dass er dennoch viel Herzblut investiert hat..... ....denn seine Charaktere und ihre Schicksale sind in einem hohen Maße differenziert und überzeugend dargestellt. So der Ingenieur Bellmer, der den Vortrieb auf italienischer Seite leitet (S. 44) mit seiner Familientragödie. Ingegnere Alessandro Tesso und seine Frau Gianna Tesso, die voller Hoffnung auf den Tunnel und Frieden im neuen Jahrhundert ihren dort geborenen Sohn den Vornamen des italienischen Anarchisten Errico Malatesta (S. 18) geben. Arzt Cesare Lenga, der mit seiner Frau Paola zusammen gegen die katastrophalen medizinischen und hygienischen Verhältnisse in den Holzhütten einer ausgebeuteten Arbeiterschaft kämpfen muss. Die Prostituierte Marcella und der 15jährige Pietro "Pico" Colesso, die auf ihre Weise ihr Glück machen wollen. Schließlich der Ingenieur Andrea Noce, der sich dem Klassenkampf verschrieben hat. Geschichten von Liebe, Glaube, Hoffnung und Enttäuschung..... Der Leser bekommt einen bleibenden Eindruck einer Ära, die später einmal als das Stählerne Zeitalter bezeichnet werden sollte. Am Wendepunkt zum 19. Jahrhundert führen Konfessionen und Ideologien einen großen Wettkamp um die Menschen. Mit einer Reihe von Anspielungen ist es Mock auch gelungen, seinen Roman in einen historischen Gesamtkontext einzubetten. Einige Beispiele: Als Vorgriff auf die 1928 uraufgeführte "Dreigroschenoper" genießt Bert Brechts "Erst kommt das Fressen, dann die Moral" bereits Aktualität (S. 47). Auf der einen Seite wurden demonstrierende Arbeiter in Mailand von der Kavallerie durch die Stadt getrieben und erschossen (S. 134). Andererseits entzauberte das gelungene Attentat auf die österreichische Kaiserin Elisabeth durch Luigi Luccheni (S. 39, 133) und die Ermordung König Umbertos durch Getano Bresci (S. 145) einen friedlich-utopisch geprägten Anarchismus. Das 1899 patentierte "Aspirin" (S. 138) kommt bereits zum Einsatz, kann jedoch die unter den Arbeitern weit verbreitete Syphilis (S. 280) nicht entgegenwirken. Die Folgen der "Krüger Depesche" Kaiser Wilhelms II. (S. 144) und der zweite Burenkrieg werden genauso kurz erwähnt, wie der "Amerikanisch-Spanische Krieg", der Japanisch-Russische Krieg (S. 236) oder die "Gebrüder Wright" (S. 285). Breiten Raum nehmen jedoch das "Kommunistische Manifest", die "Partitio Socialista Italiano" (S. 171 ff.), die Errichtung einer Arbeitervertretung (S. 179) und Streiks ein. Bei den Fragestellungen "Wem nützt der Tunnel?"(S. 60), bzw. "Wozu verschwinden beim Tunnelbau über 200 Kg Dynamit" (S. 126) wird der Leser miteinbezogen. Wolfgang Mock hat mit seiner ergreifenden Geschichte nicht nur das Eingangspostulat voll und ganz erfüllt. Von den drei, im Jahre 2008, vom "Autorenkreis Historischer Roman - Quo Vadis" mit dem "Sir Walter Scott Preis" ausgezeichneten Romanen hat er das realistischste Bild gezeichnet und damit das Attribut "historisch" (auch wenn vom Verlag Tisch 7 darauf verzichtet wurde) mehr als verdient. Das gelungene Buchcover hält, was es verspricht. 5 Amazonsterne.
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Europäische Wurzeln, 23. November 2008
Rezension bezieht sich auf: Simplon (Gebundene Ausgabe)
Spricht hier ein Mitglied der R.A.F? "'Ihr werdet den Tunnel nicht aufhalten.' Noce nickte vor sich hin. 'Mag sein. Oder auch nicht. Aber es ist ein Zeichen. Dass wir es versucht haben. Vielleicht ist es dann soweit. Dass die Menschen sich aufbäumen in ihrem Elend. Ihre Ketten abwerfen. Erkennen, dass sie nichts zu verlieren haben ...'" So nachzulesen auf S.340 des Romans "Simplon" von Wolfgang Mock. Und etwas weiter unten: "'... In einem fremden Zimmer herumzuwühlen ist nicht Deine Sache? Aber man gewöhnt sich daran, nicht wahr? Die Drecksarbeit für andere zu machen. Den Affen für die, die sich die Taschen füllen.'" Auf der einen Seite das Elend der zu Tausenden angeworbenen Arbeiter in ihren armseligen Hütten, auf der anderen Seite der Luxus, dem ein paar Bonzen in ihren Palästen frönen, und dazwischen die Ingenieure als Mittler zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten - so hätte der Autor den Bau des Simplon-Tunnels aufziehen können, ohne die historischen Fakten allzu sehr zu beugen. Indes deutet er seine Kritik am Kapitalismus eher leise an. Alles beginnt hoffnungsvoll. Der Tunnel verspricht neue Arbeitsplätze, noch dazu besser bezahlte als anderswo. Er verbindet die Länder Europas, namentlich die Schweiz und Italien. Man wird künftig von Paris nach Mailand mit dem Zug fahren können, oder von Le Havre ans Mittelmehr. Das ist die Zukunft!" - so wie heute das Internet, die Kernkraft oder Photovoltaik-Anlagen! Und das Ende? Im ersten Weltkrieg, knapp 10 Jahre nach dem Tunneldurchbruch im Jahre 1905, bekämpfen sich die Länder Europas, stehen sich Menschen als Feinde gegenüber, die noch im Tunnel Seite an Seite geschwitzt, gelitten und gefeiert haben. Absurd, beinahe wie im Vorwort des Romans angedeutet: Wir sind, mit dem irdisch befleckten Auge gesehen, in der Situation von Eisenbahnreisenden, die in einem langen Tunnel verunglückt sind, und zwar an einer Stelle, wo man das Licht des Anfangs nicht mehr sieht, das Licht des Endes aber nur so winzig, dass der Blick es immerfort suchen muss und immerfort verliert, wobei Anfang und Ende nicht einmal sicher sind. Rings um uns aber haben wir in der Verwirrung der Sinne oder in der Höchstempfindlichkeit der Sinne lauter Ungeheuer und ein je nach Laune und Verwundung des Einzelnen entzückendes oder ermüdendes kaleidoskopisches Spiel. (Franz Kafka)" Mir haben die verschiedenen Erzählperspektiven des Romans gefallen. Ob Mock nun aus der Sicht eines Ingenieurs schreibt, der zwischen zwei Stühlen sitzend dennoch gezwungen ist, seinen Auftrag zu erfüllen, oder aus der Sicht einer Dirne, die, konfrontiert mit Gestank und Krankheit, Arme und Reiche gleichermaßen bedienen muss - mir scheint, als beobachte Mock ohne zu werten. Die Moral bleibt den Geistlichen vorbehalten. Katholische und evangelische Pfarrer trotzen sich gegenseitig die armseligen Klienten ab. Ganz so wie heute Rechte und Linke um Wähler buhlen. Überall Heilsversprechen und doch scheint sich das Elend wie eine Konstante durch die Geschichte zu ziehen.
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Ein umwerfender Historienroman, spürbar nahe, 25. April 2007
Rezension bezieht sich auf: Simplon (Gebundene Ausgabe)
Es geht um den Bau eines Eisenbahntunnels in einer Zeit, die man sich auch heute noch sehr gut vorstellen kann und über die wir umfassend durch Berichte und Geschichtsbücher unterrichtet sind. Vielleicht haben wir selber Geschichten aus der eigenen Familie aus dieser Zeit gehört und in Erinnerung. Die eigene Fantasie spielt hier durchaus eine Rolle und die Bilder dieses Romans sind gewaltig. Man kann sich die Monströsität dieses Vorhabens, den Kampf mit den Elementen sehr genau vorstellen. Und dieser Roman lässt einen erahnen welche Schicksale mit diesem und ähnlichen Vorhaben verbunden sind. Wirklich sehr, sehr stark, glaubhaft und originell. Das Ganze eingebettet in eine Zeit des starken politischen Umbruchs, die Zeit der Erhebungen gegen den Feudalismus aller Orts in Europa. Die Entstehung der Arbeiterschicht, der Gewerkschaften und des Kampfes um gerechte Lebens- und Arbeitsbedingungen. Ein fantastischer Roman, meines Erachtens, ein Historienroman im besten Sinne.
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