Vom Elend der Einfälle
Christian Mährs Erstling «Simon fliegt»
Am Anfang war der Einfall: einer hebt ab, kann fliegen, ist nicht gebunden an die Erdenschwere. Er ist kein Besonderer, kein Engel, sondern ein ganz Gewöhnlicher: Bendic Witt hiess er in Lukas Stubers Erstling «Sechs Fussbreit über der Erde», Simon Ulrich heisst er im Erstling «Simon fliegt» des Vorarlbergers Christian Mähr. Zufall, dass gleich zwei Autoren so in die Literatur starten? Den Traum vom Fliegen hat gerade die Erfindung der Flugmaschine am wenigsten erfüllt. Schreiben verspricht eine andere Leichtigkeit. Es sei ihm immer darum gegangen, den Dingen Gewicht wegzunehmen, hat Italo Calvino formuliert.
Diese Art von Ironie, die die Welt wie von einem andern Stern aus betrachtet und mit ihr doch unzertrennbar verbunden bleibt, ist vielleicht das Höchste, was ein Schriftsteller anstreben kann. Fraglich bleibt, ob die paar Zentimeter, die Christian Mährs Einfall zwischen Fusssohle und Boden seines Protagonisten schiebt, zu seiner Erreichung etwas beitragen. Er tut, als sei es ganz leicht, diese Leichtigkeit in die Literatur zu bringen.
Einfälle sind gefährliche Abkürzungen. Sie setzen voraus, was zu erschaffen wäre, und nehmen die Spannung weg, die sie behaupten. Mährs Buch kommt aus dem heiterhellen Himmel, das heisst von der «Nuestra Señora de las Nieves», die auf La Palma seine Fäden zieht, nicht weg. Im luftleeren Raum bekommt es weder Boden unter die Füsse noch Wind unter die Flügel. Der Nazarener konnte übers Wasser gehen, das ist gewiss keine Metapher. Jetzt wird damit ein hemmungslos metaphorisches Spiel gespielt. Das aber bleibt gerade wegen seiner Ungehemmtheit fad. Mährs Erzählen vom Wunder der «Levitation» Simon Ulrichs fehlt das Wunder des Erzählens. Es bleibt handgestrickt.
Man sollte «Simon fliegt» wohl lesen als Parodie auf die Esoterikwelle oder auf das Vorarlbergische oder auf den Künstler an sich: freies Schweben über dem Abgrund. Mährs Protagonisten sind voll aus dem Leben gegriffen: der Musiklehrer und Guru Simon, der gehobene Alkoholiker Otto und der Kulturredaktor Peter. Jeder ist nichts so recht. Jeder träumt ergo davon, etwas so richtig zu sein; böse zum Beispiel. Hinzu kommt pro Mann eine Frau auch das wie im richtigen Leben: Simon ist geschieden, Ottos Frau ist krank, und Peters Sophia fliegt auf den Flieger Simon oder verleiht sie ihm Flügel? In männlicher Flugkraft steckt jedenfalls heilende Potenz: Ottos gelähmte Elisabeth bringt sie beim Finale in «El Paradiso» (das Nomen-est-omen-Prinzip ist hier grundlegend) wieder zum Tanzen. Zäumt man die Geschichte (eine Weihnachtsgeschichte übrigens) am Schwanz auf, hat Otto diese Kraft, weil er Simon, diesen «Spinnjockel» mit den magischen Kräften, der mit dem Teufel im Bunde steht und einem die Frauen stiehlt, in einen Abgrund stürzen wollte, vorerst vergeblich. Dabei ging die Fähigkeit zur Levitation vom Meister auf den Lehrling über. Nun fällt Otto für die Heilung seiner Frau vom Himmel. Und Peter steigt in ihn, indem er Simon endgültig herunterholt. So kausal geht es immer noch zu im Übernatürlichen. Das heisst umgekehrt: was verrückt wirkt, kann nur die Realität sein. Am Ende liegt dem Buch auch noch eine Philosophie zugrunde. Wenn es denn mehr ist als eine sich selbst erteilte Lizenz zu allerlei Einfällen.
Da gibt es noch einen: Gottfried Scheuchzer. Er will Peter das Manuskript eines Theaterstücks mit dem Titel «Die Taten des Petrus» andrehen. Es handelt von den Wundertaten des Apostels und von Simon, dem Magier, der sie ihm streitig machen möchte (Simon soll der andere Name von Petrus gewesen sein).
Das ist alles mittelraffiniert ausgedacht von Christian Mähr. Aber das Buch erweckt den Eindruck, es habe sein letzter Satz schon vor dem ersten festgestanden. Wie am Schnürchen rollt Mähr nun das Päckli auf, das er selber geschnürt hat. Und auch das mag durchaus beabsichtigt sein: die donnernde Bedeutungslosigkeit seiner Sprache bar jeder poetischen Anstrengung. Kontrastiert ja schön zum Inhalt. Das will alles knochentrocken sein! So fehlt auch die Selbstironie nicht. Dagegen kann man wenig haben.
Samuel Moser