Ein Highlight des Buches ist die hoch spannende Beschreibung, wie sich Simon Rattles Berufung zum Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker im Jahr 2002 angebahnt hat. Überhaupt: Wer schon immer einen Blick hinter die Kulissen der Kulturpolitik hierzulande und anderswo werfen wollte, wird hier von Nicholas Kenyon großartig bedient.
In angenehm nüchternem Stil vollzieht er in seinem "Portrait" die Entwicklung Simon Rattles zu einem der bedeutenden Dirigenten unserer Tage nach. Die "Ausschmückung" der Ereignisse wird zu großen Teilen von Zeitzeugen (Freunden, Gegnern, Orchestermitgliedern...) sowie Rattle selbst besorgt.
Das bringt den großen Vorteil mit sich, dass Kritik wie Lob ungeschönt, quasi "aus Chronistenpflicht", wiedergegeben werden und der Leser so das Gefühl bekommt sich selbst eine Meinung bilden zu dürfen.
Auch hat mir gefallen, dass das Buch ohne "Nabelschau" auskommt. So erfährt man z.B. einiges über die beruflichen und persönlichen Auswirkungen der hässlichen Scheidung Rattles von seiner ersten Ehefrau - schmutzige Wäsche wird jedoch nicht gewaschen. Homestories sucht man ebenfalls vergeblich. Höchstpersönliches bleibt in diesem Buch also privat und wird nicht zur Darstellung bestimmter Aspekte von Rattles Persönlichkeit mißbraucht. Sehr sympathisch!
Nicholas Kenyon brauchte kein Geschwafel über Erleuchtung und Genialität, um mir Simon Rattle als sympathischen Menschen aus Fleisch und Blut näher zu bringen, dessen Qualitäten als Interpret klassischer Musik und dessen Bedeutung für heutige Komponisten außergewöhnlich sind.