Eigentlich ist das ein packendes und tolles Expeditions- und Abenteuer-Buch in sehr guter Ausstattung über den fast vergessenen deutschen Nationalhelden Günther Plüschow. In Südamerika tragen heute etliche Strassen und Plätze seinen Namen, so hoch verehrt ist er dort.
Und trotzdem gibt es nur 1en Stern mit dem Amazon-Tip-Text "I hate it" von mir?
Wie das?
Ich will versuchen, mich verständlich zu machen: weshalb ich, obwohl der umgekommene Fliegerheld Plüschow für sein Buch eigentlich 5 Sterne verdient hätte und hat,
ich dem Verlag für diese 2007er Ausgabe trozdem die rote Karte zeigen muss und nur 1 Stern vergeben kann.
Immerhin ist es ein hochinteressantes Buch über eine der letzten grossen geographischen Entdeckungsabenteuer der Menschheit.
Denn Feuerland und sein Inlandeis gehörten bis zu Plüschows gefährlicher Expedition zu den wenigen noch nie zuvor erkundeten Ecken unserer Erde - und das noch 1929.
Auch mit modernsten Hilfsmitteln wurde das nur 50 km breite chilenische Inlandeis erst 1999 zum ersten Mal durchquert und man benötigte dazu mehrere Wochen(!) http://www.leipzig-online.de/expedition/2/expeditionen/patagonien/inlandeis/.
Das Buch wäre damit sozusagen Pflichtlektüre für jeden Expeditions-Privatflieger und auch für junge Menschen, die sich auch heutzutage noch auf abenteuerliche Erkundungsexpeditionen wagen wollen.
Diese 2007er Ausgabe enthält auch viele interessante sonst bisher nur verstreut oder nirgendwo veröffentlichte Einzelheiten über die zweite tragisch geendete Expedition von Plüschow und Dreblow.
Darunter findet man auch die letzten Tagebuchaufzeichnungen vor ihrem bitteren Ende und die abenteuerliche Geschichte der Heimholung des Plüschowschen Expeditionsschiffes nach Deutschland.
Ausserdem gibt es dazu viele schöne, aussagekräftige Fotos.
Andere Rezensenten haben auch schon genug über das Buch geschwärmt.
Nun muss ich dazu kommen, warum es von mir trotzdem nur das schlechteste Urteil bekommt.
Im Vorspann zur Neuherausgabe wird nämlich auf S.14 behauptet: "Alles andere erzählt uns Plüschow im nun folgenden Reprint seines Buches..."
Es ist aber tatsächlich kein Reprint. Der Originaltext wurde an verschiedenen versteckten Sellen geändert, quasi im Sinne falsch verstandener politischer Korrektheit weichgespült.
Dabei wurden nicht nur einzelne heutzutage nicht genehme Wortkombinationen weggelassen, sondern auch ganze Absätze und sogar ein ganzes Kapitel "Bei den letzten Botokuden" samt Fotos.
Um einen Eindruck zu geben, stelle ich zum Vergleich einige Stellen gegenüber, die mir beim Lesen aufgefallen sind, vorne die Seitenangaben der 2007er Ausgabe und danach der 1929er Originalausgabe:
S.52/S.73: Es fehlt der ganze Absatz: u.a. "... Und das ist eine weitere Aufgabe, die ich mir mit dieser Fahrt gestellt habe und die ich - ich kann's mit Freuden gestehen - erfüllen konnte: deutsche Propaganda".
S,73 "Zivilisation" statt S112 "Kultur"
S.74 Das ganze Kapitel "Bei den letzten Botokuden" wurde weggelassen. Die Gründe kann man wohl mehr oder weniger erraten, wenn man alle anderen Textänderungen vergleicht.
S.98 "Nie hat es in meinem Leben eine schönere Zeit als bei unserer alten Marine gegeben,.." statt S.161 "bei unserer alten Kriegsmarine".
S.116 "wir sind jetzt Luftkameraden geworden, müssen füreinander und miteinander durch dick und dünn gehen, haben hier die Ehre der Fliegerei hochzuhalten" statt S.184 "der deutschen Fliegerei".
Auf S.182 werden dann "Dampfer" von zu "Schiffen" und "Feuerlandspiraten" zu "Feuerländern", vgl. Original S.235.
Und schliesslich fehlt auf S.158 eine ganze halbe, aber wichtige Seite über den Verkauf des Expeditionsschiffes und den Verbleib der anderen Expeditionsteilnehmer (S.242).
Diese kleinen Änderungen ausser der Weglassung des ganzen Kapitels "Bei den letzten Botokuden" sind alle nicht sonderlich schlimm.
Sie weisen aber in eine ganz bestimmte Richtung politischer Überkorrektheit. Diese wurde schon von Jörg Schönbohm in seinem Büchlein "Politische Korrektheit - Das Schlachtfeld der Tugendwächter" gegeisselt. Denn da werden aus dem Kinderbuch "Zehn kleine Negerlein" schnell "Zehn kleine Kinderlein" und da darf einem nichts mehr "spanisch vorkommen" oder man einen "Türken bauen".
Nebenbei sei vermerkt, dass in Antiquariaten noch 1929er Ausgaben von nach 1933 kursieren, in denen das Kapitel "Fallende Urwaldriesen" fehlt, das allerdings dann in der 2007er Ausgabe enthalten ist.
Wie gesagt - all diese Änderungen schaden dem originalen Gesamtwerk Plüschows nur geringfügig.
Sie vertuschen aber andererseits auch eine wichtige Seite seines nationalen Gedankengutes, wie es damals verbreitet war.
Damit werden dem Leser wichtige Nuancen über das Denken der Menschen aus dieser Epoche unserer nationalen Geschichte vorenthalten. Das nenne ich Bevormundung. Deren Umfang hält sich bei diesem Buch zum Glück in Grenzen.
Die Fortschreibung von Hans Georg Prager ist prägnant und wertvoll. Denn hiermit wird die tragische Geschichte um den Tod der beiden Expeditionshelden und danach bis zur abenteuerlichen Wiederentdeckung und Heimholung des Expeditionsschiffes dokumentiert.
Trotzdem muss ich dem Verlag für diese 2007er Ausgabe aus meinen hoffentlich verständlich gemachten Gründen die rote Karte zeigen, für dessen falsch verstandene politische Korrektheit.
Deshalb gibt es nur 1 Stern von mir, obwohl es ohne Kenntnis des heutzutage äusserst seltenen 1929er Originals ganz sicher satte 5 Sterne gewesen wären.