Was für ein großartiges Debüt! Auch wenn man das, was FAZ, Spiegel, Hamburger Abendblatt etc. schon so ausführlich an diesem Buch und seiner Verfasserin gelobt haben, mal beiseite lässt: "Silberfischchen" ist das Reifezeugnis einer jungen Autorin, die ihren Weg machen wird. Die Geschichte um den misanthropen Ex-Polizeibeamten Hermann Mildt und die Polin Jana Potulski ist ein feinsinniges literarisch-psychologisches Spiel. Strikt aus der Perspektive von Hermann geschildert, entwickelt sich zwischen beiden Figuren ein packendes Hin und Her. Er, der verwahrloste Witwer und Frührentner, sucht verzweifelt die Nähe eines anderen Menschen und kann sie doch nicht recht zulassen. Stattdessen immer wieder verbale Angriffe, Verdächtigungen, Misstrauen und meist nur zwischen den Zeilen der Schrei nach Liebe. Eine Szene, die es auf den Punkt bringt: beide im Supermarkt, sie haben sich gerade gestritten, weil er ihr keinen Apfelsaft kaufen wollte (es dann aber doch getan hat, aber nur, wenn sie ihn selber trägt) und eigentlich findet, dass sie, wenn er schon bezahlen muss, sich gefälligst nach seinen Vorlieben richten soll. Er packt die übrigen Einkäufe nach dem Kassieren ein. Die Kassiererin, die das Verhältnis zwischen beiden missdeutet, ruft ihm hinterher: "Den Apfelsaft hat ihre Pflegerin schon mitgenommen." Und er, gekränkt, aber für einen Augenblick auch entwaffnend ehrlich in seinem Wunsch nach Zugehörigkeit, antwortet: "Das ist nicht meine Pflegerin, das ist meine Frau." Knapper und präziser lässt es sich nicht ausdrücken. Inger-Maria Mahlke überzeugt durch einen außerordentlichen Stilwillen, ein großes literarisches Talent und eine bewegende Geschichte.