In historischen Romanen, die im Mittelalter spielen, klirren meist die Schwerter, werden Ungläubige bekämpft, Drachen geschlachtet, Hexen verbrannt und hehre Fräuleins von tapferen Helden entjungfert. Nicht so in diesem Buch. Hier erleben wir die Zeit der kühnen Recken aus der Perspektive zweier Frauen, die mehr zufällig in den Machtkampf zwischen Welfen und Staufern um 1200 hineingeraten: Joanna, einer Hofdame der Gemahlin Philips des Staufers und Mechthild, einer Kaufmannstochter, die von Anhängern Ottos des Welfen im Wald aufgelesen wird. Ein fesselnder Einstieg - die hilflose, ihres Gedächtnisses beraubte Heldin - der allerdings etwas arg breitgetreten wird. (Nach der Hälfte des Buches weiß sie noch immer nicht, wer sie ist, und eine überzeugende Erklärung für den Gedächtnisverlust der ansonsten recht resoluten Dame wird dem Leser auch nicht geliefert).
Beide Frauen begegnen Männern, in die sie sich verlieben, obwohl sie auch schon anderweitig gebunden sind, und die daraus resultierenden emotionalen Irrungen und Wirrungen sind gut geschildert. Auch die humorvollen Kapitelüberschriften haben mir gefallen.
Was der Autorin allerdings fast nie gelingt, ist der Aufbau längerer Spannungsbögen. Zu viele, für die Handlung belanglose und teilweise unglaubwürdige Szenen, die sogleich wieder aufgelöst werden, reihen sich aneinander. Zwei Beispiele:
„Die Krone - oh, die hatte ich fast vergessen. Otto braucht eine Krone!", fällt es einem der männlichen Protagonisten auf S. 224 ebenso spät wie treffend ein. Zwei Tage später ist - oh Wunder - das Werk nicht nur fertig und der König gekrönt, sondern der Auftraggeber schmachtet grundlos im Kerker, wo er allerdings nicht lange verbleibt, den schon auf S. 228. erfährt der Leser aus verzeihendem Otto-Munde: „Was guckt Ihr? Das Ding ist not important". (Dass man am englischen Königshofe, wo Otto erzogen wurde, um diese Zeit Französisch sprach, scheint der Autorin entgangen zu sein. Davon abgesehen ist das Buch aber, soweit ich es beurteilen kann, gut recherchiert und die Erläuterungen im Anhang zu den geschichtlichen Zusammenhängen sind hilfreich).
Wie aus einer früheren Fassung übrig geblieben wirkt auch die auf S. 294 ff. präsentierte, ansonsten folgenlose Enthüllung, dass der bis dahin im Hintergrund schuftende Schurke Lummersbacher eine Art Jugendliebe Mechthilds war. Allerdings entleibt er sich gleich selbst, wonach flugs ein Bastardbruder aufgefunden wird, mit dem die Autorin allerdings auch nichts Rechtes anzufangen weiß.
Vom Stil her würde man sich manchmal etwas mehr Hang zur genauen, statt zur allgemeinen Beschreibung wünschen: Da sind Burgen einfach „mächtig" und Wandteppiche „wunderschön", dafür werden manche Bilder überstrapaziert, so wenn Bedürftige immer wieder „verbogene Blechpfennige" zugeworfen erhalten.
Wenn man sich bis ca. S. 340 durchgelesen hat, gewinnt die Handlung deutlich an Spannung und das Aufeinandertreffen der beiden Frauen, deren Erlebnisse bislang parallel geschildert wurden, gibt dem Buch Farbe. Auch das Ende ist nicht so glatt und vorhersehbar, so dass man Spaß an dieser Lektüre jenseits der Mittelalterklischees haben kann.