Bücher über Sigmund Freud und die Psychoanalyse, auch kritische, gibt es, wie Herbert Selg anmerkt, schon sehr viele. Wozu also noch eines? Der Autor gibt zur Antwort: Sein Ehrgeiz war es, eine kurze, allgemeinverständliche und kritische Einführung in Leben und Werk des Begründers der Psychoanalyse zu schreiben. Sein Vorhaben, dies sei vorweggenommen, ist ihm geglückt.
Selg stellt in chronologischer Folge wichtige Stationen aus Freuds Leben und Arbeiten vor. Dabei kommt auch der Mensch Freud nicht zu kurz. Der Autor berichtet dabei, durchaus mit Sympathie, Anekdotisches etwa über Sigmund Freuds leicht sarkastischen Humor. (So soll Freud, als seine Bücher zusammen mit denen von Marx und Tucholsky von den Nationalsozialisten verbrannt wurden, angemerkt haben: "Wenigstens brenne ich in der besten Gesellschaft").
Diesen Rahmen füllt Selg mit einer Einführung in das Gedankengebäude der Psychoanalyse. Dabei werden die Veröffentlichungen einzelner wichtiger Werke Freuds zum Anlass genommen, jeweils den entsprechenden Aspekt der Theorie zunächst angemessen, sachkundig und verständlich darzustellen und sodann skeptisch-kritisch zu hinterfragen. Dabei wird auch für den Leser, der sich bislang mit der Psychoanalyse und ihrer Kritik nur oberflächlich oder gar nicht beschäftigt hat, deutlich, worin der Vorwurf der Pseudowissenschaftlichkeit gegen die Psychoanalyse seine Ursachen hat.
Ein Beispiel: Freud postuliert, dass jeder Traum eine Wunscherfüllung sei. Dem scheinen unangenehme und Albträume zu widersprechen. Freud entgegnet auf diesen Einwand, dem Albtraum läge die Erfüllung eines (vom bewussten Ich) "verbotenen" Triebwunsches zugrunde. So hat eine Frau, die in einem Albtraum von Männern verfolgt wird, "eigentlich" den Triebwunsch, von Männern begehrt und bedrängt zu werden. Jedoch mag sie sich gewissermaßen diesen Wunsch nicht eingestehen: Ihre Angst im Traum ist Ausdruck ihres Widerstandes gegen den Wunsch.
Selg schreibt hierzu: "Dieses Beispiel zeigt, dass Freuds Deutungen nicht widerlegt werden können (und damit unwissenschaftlich sind, wenn man nur halbwegs strenge Kriterien anlegt). Was immer wir träumen, ein Freudianer kann eine Wunscherfüllung hinein interpretieren: Entweder können wir diese relativ leicht nachvollziehen und ihm recht geben - oder aber der Analytiker gibt uns eine Deutung von der Art wie im soeben geschilderten Beispiel von der Frau, die sich verfolgt fühlte" (S. 39). Noch krassere und unfreiwillig komische Beispiel folgen: So steht der Hut im Traum für das männliche Genitale, wie Freud ausführlich darlegt. Aus anderen Fällen wisse er (Freud) aber, dass der Hut auch für ein weibliches Genitale stehen könne: "Besser als Freud es hier selber tat, kann man die völlig unverbindliche Beliebigkeit seiner Symboldeutungen nicht karikieren" (S. 41).
Selg gelingt ein umfassender, ausgewogener und fairer Überblick über die Psychoanalyse. In einigen Teilen merkt man dem Autor seine persönlichen Schwerpunkte an. Etwa als es über den Wandel von der Verführungstheorie (Neurosen entstehen durch sexuellen Missbrauch in der Kindheit, was Freud ursprünglich annahm) zur Ödipustheorie (der erinnerte Missbrauch ist nur eingebildet, war eigentlich ein Wunsch des Kindes, Freuds spätere Position) zu berichten gilt: Selg hat das Thema der sexuellen Kindesmisshandlung (bzw. ihrer Prävention) eingehend beforscht. Bei der Darstellung von Freuds "Todestrieb" bzw. seiner Aggressionstheorie erkennt man Selg als Kritiker der ethologischen Aggressionstheorie nach Lorenz wieder. Jedoch nehmen diese Schwerpunktsetzungen keinen allzu breiten Raum ein.
Ein Ausblick auf die Zukunft der Psychoanalyse schließt das Werk. Selg sieht Freuds Lehre weiterbestehen, auf dieselbe Art wie andere längst widerlegte Pseudowissenschaften: "Nein, die Psychoanalyse ist nicht am Ende; sie lebt und wird uns erhalten bleiben; der Schornsteinfeger bringt uns weiterhin Glück; die Astrologie sagt uns weiterhin die Zukunft voraus; und die Psychoanalyse ist gewiss so unsterblich wie andere Märchen auch" (S. 105).
Das Buch ist makellos, soweit ich es beurteilen kann. Kein Verehrer Freuds wird Selg "Freud-Bashing" (das Verhöhnen und Niedermachen von Freud als Person) unterstellen könne, keiner wird grobe Fehler ausmachen können. Solche Fehler machen häufig den Wert eines kritischen Buches als Argumentationshilfe zunichte, kann doch nun der Anhänger der Psychoanalyse mit Recht behaupten, man solle sich erst mal ernsthaft mit dem Kritisierten auseinandersetzen, ehe man sich eine Meinung erlaube. Es hebt sich nicht nur wohltuend von den vielen "Hagiographien" (Heiligenbeschreibungen, wie Selg sie nennt) über Freud ab, es ist damit auch empfehlenswerter als andere allgemeinverständliche Bücher zur Psychoanalysekritik, wie z.B. Dieter E. Zimmers "Tiefenschwindel" (Zimmer unterlaufen eben einige Schnitzer, zudem ist seine Auffassung davon, was die wissenschaftliche Psychologie macht bzw. machen sollte, nicht immer ganz sachkundig). Zudem ist "Sigmund Freud ? Genie oder Scharlatan" ein Buch, dass sich angenehm an einem Strandtag im Urlaub (oder einem verregneten Sonntag zuhause) lesen lässt.
Das Buch sei all jenen empfohlen, die sich immer wieder hilflos psychoanalytischen Versatzstücken gegenübersehen, die aber zuwenig über die Psychoanalyse wissen, als dass sie in eine Diskussion bestehen könnten. Aber auch diejenigen, die sich schon länger mit dieser psychologischen Pseudowissenschaft auseinandersetzen (und die ihre Mühe haben, Außenstehenden deutlich zu machen, dass es neben der Psychoanalyse auch eine erfolgreich forschende wissenschaftliche Psychologie gibt), können das prägnante und lesbare Büchlein gut brauchen.