Neue Zürcher Zeitung
Psychoanalytische Krisenjahre LL. Mit Band III/1, dem insgesamt fünften und vorletzten Band der Gesamtausgabe des Briefwechsels zwischen Sigmund Freud und Sándor Ferenczi, wird nach einer nunmehr siebenjährigen editorischen Latenzzeit, die man nicht als Widerstand wird deuten wollen, die Edition dieser bedeutenden Korrespondenz endlich wieder aufgenommen. Der Band umfasst die Jahre 1920 bis 1924 die Zeit also, in der, unter anderem, Freuds Krebserkrankung diagnostiziert wird, die Tochter Sophie und der Lieblingsenkel, das «Heinele», sterben, Freud mit «Jenseits des Lustprinzips» und «Das Ich und das Es» einen Paradigmenwechsel in der Psychoanalyse vollzieht, Ferenczi therapeutischen Kontakt zu Georg Groddeck sucht, eng mit Otto Rank zusammenarbeitet, beide in Konflikt mit Freuds Paladinen Ernest Jones und Karl Abraham geraten und sich auch schon der spätere Dissens mit Freud selber andeutet, der zwar nie zum Bruch, aber doch zu einer weitgehenden Entfremdung führen wird. An Stoff fehlt es also fürwahr nicht. Judith Dupont hat ihn neben dem informativen editorischen Kommentar mit einer vorzüglichen Einleitung erschlossen. Man sieht mit Beklemmung, wie sich ein Knoten schürzt, der immer unlösbarer wird, ohne dass Freud oder auch Ferenczi zum neuen Alexander würden, die ihn zerhauten. Auf das demnächst hoffentlich ohne weitere sieben Jahre Verzögerung zu beobachtende Finale darf man getrost gespannt sein.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
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Kurzbeschreibung
Siegmund Freud (1856 - 1939) und der ungarische Arzt Sandor Ferenci (1873 - 1933), einer seiner wichtigsten Schüler und Kollegen, standen 25 Jahre lang in regelmäßigem, oft täglichem Briefverkehr. Ihre über 1200 Briefe, die fast zur Gänze erhalten sind und hier ungekürzt veröffentlicht werden, stellen ein historisches Dokument ersten Ranges dar. Die in sechs Bänden erscheinende Korrespondenz beginnt im Januar 1908 mit einer Anfrage Ferencis um eine Begegnung und endet im Mai 1933 unmittelbar vor Ferencis Tod. Sie enthält somit entscheidende Jahrzehnte in der Geschichte der Psychoanalyse und gibt neue, oft überraschende Aufschlüsse über die Entwicklung der psychoanalytischen Theorie und Praxis, über die Konfliktgeschichte der psychoanalytischen 'Bewegung', aber auch über das Privatleben der Korrespondenten und über die Komplexität ihrer Freundschaft und ihres späteren Konflikts - dies alles vor dem Hintergrund der umwälzenden historischen Ereignisse der Zeit