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Der Autor gebraucht den Ausdruck „Denker des 20. Jahrhunderts" in drei Modifikationen. Zum einen sagt er, dass Freud mindestes einer der ganz großen, herausragenden Denker des 20. Jahrhunderts ist. Zum anderen will er den Begriff so verwenden, nämlich etwas denken im Sinne von etwas begreifen. Und außerdem wollte er zum Ausdruck bringen, dass Freud seine revolutionäre, bahn-brechende Anthropologie sehr wahrscheinlich kaum, ohne die Urkatastrophe des ersten Weltkrieges hätte entwickeln können.
Micha Brumlik beschreibt, wie wichtig Freuds Rolle als Aufklärer und großer atheistischer Denker war. Seine Religionskritik hat die Religionen und Theologien bis heute beeindruckt. Seine Thesen über das Wesen der menschlichen Sexualität, unter Berücksichtigung von Zivilisationszwängen und Unterdrückungsmechanismen, haben wir heute gelernt. Sexuelle Repression ist in dieser libertinären Gesellschaft kein Thema mehr. Vielmehr interessieren Fragen nach der menschlichen Aggressivität, Fragen des Traumas und der Traumatisierung, sowie Fragen nach der Ursache des unheimlichen Todestriebes besonders unter biologischen, pädagogischen, philosophischen und theologischen Aspekten.
Freud, der große Denker, hat mehr oder weniger präzise Prognosen zu den beiden destruktiven, totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts abgeliefert, nämlich des Faschismus und des stalinistischen Kommunismus. In seiner Schrift „Massenpsychologie und Ich-Analyse", die nicht zufällig in der Zeit entstand, als in Italien der Faschismus aufzublühen begann. In Freuds Gedanken, lassen sich Parallelen zu den psychologischen Mechanismen erkennen, die dazu geführt haben, dass abenteuerliche, verbrecherische, rassistische Utopisten wie Mussolini, Hitler und Stalin tatsächlich die Zuneigung und den Zuspruch großer Teile der Bevölkerung an sich ziehen konnten. Er recherchiert, welchen Einfluss die Masse auf den Einzelnen als Teil dieser Masse hat .Affektsteigerung und hochgradige Beeinflussbarkeit des Einzelnen sind Folgen des gezielten Einsatzes von Massenmedien und Propaganda.
Der Autor ist auch davon überzeugt, dass Freud spätestens ab 1929/1930 ein überzeugter Antikommunist war. Das belegen seine Ausführungen in der Schrift „Unbehagen der Kultur". Freud ist davon überzeugt, dass das bürgerliche Eigentum und mit ihm verbunden ein gewisser Konkurrenzmechanismus, erhebliche zerstörerische Energien bindet. Das findet im Kommunismus nicht statt, das Bürgertum wird vielmehr ausgerottet.
Freud war nicht nur ein politischer Denker, er war gleichwohl ein bürgerlicher Denker. Er war davon überzeugt, dass berufliche Tätigkeit und Arbeit letztlich die Garanten dafür sind, dass ein relativ konfliktfreier Kulturentwurf verwirklicht werden kann. Heute, durch die Steigerung der Produktivität geht ein großer Teil der Lohnarbeit verloren, Vollbeschäftigung ist nicht mehr machbar. Die Frage ist also, lässt sich für die bisherige Entwicklung von Identität, die um den Faktor Lohnarbeit kreiste, in einer zukünftigen Kultur Ersatz finden?
Etwas anderes, was dem Autor unheimlich erscheint, es ist so als ob Freud es prognostiziert hätte, ein Wiederaufleben des Phänomens: Selbstmordattentate. Es gibt vermutlich unterschiedliche Bedingungen unter denen dieser Todestrieb frei gesetzt wird. Darin verbirgt sich eine ungeheure Gefahr für unsere Gesellschaft.
Schließlich fragt sich der Autor, ob der Beitrag des Judentums zur europäischen Kulturgeschichte, nicht letztlich in dem Verfahren zur Untersuchung und Behandlung psychischer Fehlleistungen, das von Sigmund Freud zu einer tiefenpsychologischen Lehre ausgebaut wurde, also in der Psychoanalyse, besteht.
Ein Buch mit vielen Thesen und Erkenntnissen, mit denen man sich gesellschaftlich sehr intensiv auseinandersetzen sollte.
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