Ich habe das Sigma 70-200 HSM2 erworben, um den Brennweitenbereich ab 70mm an meiner D7000 zu erschließen. Bei den Motiven wollte ich mich zunächst nicht einschränken: Kinder beim Fußball (ach mal drinnen), Tierparkbilder und die Möglichkeit, Portraits im hohen Telebereich zu machen (Freistellung). Da ich privat als Hobby fotografiere, ist bei dieser Preisliga so ziemlich die Schmerzgrenze erreicht für ein Objektiv.
- Haptik:
Man hält hier ein 1,4kg schweres Gerät in der Hand. Wenn man es samt Stativschelle und montierter Kamera ohne Batteriegriff auf den Tisch stellt, hängt die Kamera in der Luft. Beim Handling empfiehlt es sich wirklich, eher das Objektiv zu tragen und nicht die Kamera - man will ja das Bajonett nicht unnötig schinden.
- Verarbeitung:
Dieses Objektiv kommt bereits mit dem neuen Sigma EX Finish daher, d.h. keine pseudo-raue Oberfläche, die anthrazit schimmert und Dreck anzieht, sondern schwarz-matt und glatt. Der Zoom-Ring geht für Nikonuser "falsch herum" und relativ schwergängig. Der AF-Ring geht weich und gleichmäßig. Die Gegenlichtblende rastet sauber und fest ein, ist einigermaßen robust wackelt nicht. Insgesamt ist das Sigma ein sehr hochwertig anmutendes Produkt.
- Autofokus:
Rasend schnell und leise. Der Fokus sitzt bei mir auf den Punkt und ist in allen Brennweiten sehr sehr schnell. Gerade im Vergleich zum Tamron (siehe unten) liegen da Welten dazwischen. Bei schlechtem Licht muss man evtl. mal nachregeln. Insgesamt gefällt mir der Autofokus aber sehr gut. Besser bspw. als bei meinem Nikkor AF-S 50mm 1:1,4G. Auch der manuelle Eingriff jederzeit klappt gut.
- Schärfe:
Oft wird dem Sigma eine Schwäche bei der Offenblendleistung attestiert. Und es stimmt zum Teil: In den Brennweitenextremen (bei 70mm und bei 200mm) tut man gut daran etwas abzublenden, ABER: Bereits bei 80mm und analog dazu bei ca. 185mm ist die Offenblende schon zu gebrauchen. D.h. wenn man einen Schritt vor oder zurück machen kann, kann man (zumindest ich an meinem Exemplar) einiges an Schärfe rausholen, wenn man nicht ganz ans Brennweitenextrem geht. Ich bin vorsorglich (wenn möglich) meist bei rund f3,2-3,5 unterwegs und vermeide die Extremstellung. So oder so ist das Meckern auf sehr sehr hohem Niveau. Zumal sehr gern der Vergleich mit dem 4mal teureren Nikkor angestrengt wird.
- Freistellung / Bokeh:
Durch die hohe Brennweite kann man sehr schön freistellen und Portraits wirken richtig plastisch! Das Bokeh ist für meinen Geschmack wunderschön. Ich vergleiche da v.a. mit meinem AF-S 50mm 1:1,4G, welches Lichtkreise noch etwas feiner zeichnet. Insgesamt ist das Bokeh und die Freistellung mit dem Sigma aber ein Augenschmaus.
- Herausforderung für den Amateur: Kein OS
Ich hätte gerne ein stabilisiertes Sucherbild :-) Wer bei 200mm durch den Sucher sieht und versucht ein Objekt zu verfolgen, weiß, was ich meine. Aber preislich ist das eben nicht drin.
Viel praxisrelevanter ist hingegen das Fehlen des OS bei der Belichtung an sich:
Da ich zum ersten Mal in diesen Brennweiten unterwegs bin, ist diese Brennweite gar nicht mal so unkompliziert zu handhaben bei der Belichtung. Die Belichtungsmessung der Kamera nimmt ja als Berechnungsgrundlage nur Blende, Verschlusszeit und ISO-Wert, die Brennweite bleibt unberücksichtigt. So zeigte mir die Belichtungsmessung bei 200mm f3,2 ISO250 an, dass das Bild bei 1/60s richtig belichtet ist. Natürlich wird die Aufnahme so verwackelt, da man nach der Faustregel "1 : Brennweite X Cropfaktor" mindestens 1/300 bei 200mm benötigt, um aus der Hand verwacklungsfrei zu schießen. Daher ist immer etwas Kopfrechnen angesagt während des Fotografierens. Da ich sonst überwiegend mit Festbrennweiten arbeite, zoome ich eh nicht so wild drauf los, sondern suche mir den Brennweitenbereich (auch beim Zoom) meist schon vor der eigentlichen Aufnahme aus. Doch ich gehe davon aus, dass man auch bei den Versionen mit Stabilisator manuell nachregeln muss, weil man je nach Motiv wohl eh eine kurze Verschlusszeit benötigt. Dies nur als Anmerkung für Leute wie mich, die zum ersten Mal ein Objektiv dieses Kalibers verwenden.
- Alternativen:
Es gab für mich noch 2 Alternativen, die ich wie auch das Sigma im Fotoladen meines Vertrauens an meiner Kamera getestet habe:
Nikon AF-S Zoom-Nikkor 70-300mm 1:4,5-5,6G VR Objektiv (67mm Filtergewinde, bildstabilisiert) inkl. HB-36 BlendeDas Nikon ist ein Dunkelzoom. Es bietet zwar Bildstabilisierung (VR), aber das nützt mir bei spielenden Kindern oder Hunden herzlich wenig, da die Verschlusszeit sowieso kurz sein muss. 300mm ist zwar ein Argument, was Freistellung angeht, aber eben auch nur bei Blende 5,6 - und Abblenden schadet dann wohl auch nicht. Ich hatte einfach Bedenken, dass mir da das Licht zu schnell ausgeht. Vorteil natürlich: Geradezu ein Leichtgewicht das Nikon! Aber dennoch recht groß und ausladend.
Tamron AF 70-200mm 2,8 Di SP Macro digitales Objektiv (77 mm Filtergewinde) NEU mit "Built-In Motor" für NikonDas Tamron wurde in Tests und Foren immer über die tolle Leistung bei Blende 2,8 gelobt. Und das stimmt - im direkten Vergleich war das Bild bei 200mm und Blende 2,8 etwas kontrastreicher und schärfer. Einerseits ist die Haptik nicht auf dem Niveau des Sigma - andererseits gehört der AF eben der alten Generation an - kein Ultraschall. Und das merkt man sogar bei unbewegten Objekten. Ich hatte fokussiert und der AF musste jedesmal noch einmal kurz nachregeln, bis er saß. Dies und die nicht unbeträchtliche Lautstärke waren das KO-Kriterium für das Tamron: Was bringt mir eine bessere Offenblendschärfe, wenn der AF nicht trifft und gar nichts zum "scharf abbilden" findet?
FAZIT & P/L:
Kurzum: Die Preisleistung stimmt. Man erhält ein (semi-)professionelles Telezoom, das für FX konzipiert ist und entsprechend toll an DX abliefert. Der fehlende Stabi schmerzt nur zum Teil und ist wohl eher nice-to-have. Für längere Sessions wie Fußballspiele wird wohl irgendwann mal ein Einbeinstativ fällig, was das "Zielen" dann wohl auch einfacher gestaltet. Ich finde das Sigma eine gute Allroundlösung, gerade weil es Blende 2,8 bietet, die von sagen wir mal 80mm-185mm bei meinem Exemplar voll zu gebrauchen ist. Auch wenn die Preisleistung absolut stimmt, ist es dennoch ein Brocken Geld für einen Foto-Amateur bzw. -Hobbyist. Andererseits werden professionelle Fotografen wohl kaum in dieser Preisklasse suchen. 2. Wehrmutstropfen ist natürlich das Gewicht. 1,4kg nimmt man nicht "mal eben so" mit. Aber eine gute Transportlösung vorausgesetzt (z.B.
Lowepro Flipside 400 AW SLR-Kamerarucksack (für SLR mit aufgesetztem 300-mm-Objektiv und bis zu 6 zusätzlichen Objektiven) schwarz), hat man sehr viel tolles Glas für vergleichsweise wenig Geld dabei. Mit den Ergebnissen bin ich bisher höchstzufrieden.
UPDATE 5/2013:
Ich habe mich mittlerweile vom Sigma getrennt. Das hat nichts mit den optischen Qualitäten des Objektivs zu tun. Einige meiner schönsten Portraitfotos/Detailaufnahmen sind mit diesem Objektiv entstanden. ABER: Man hat nie(!) "nur mal so" oder "zufällig" ein 1,6kg schweres und entsprechend riesiges Objektiv (zumal als Amateur!) dabei. Ich hatte das Objektiv wirklich nur immer dann im Rucksack, wenn ich ganz sicher war, es zu brauchen oder wenn ich mit dem Auto direkt vor Ort war. Desweiteren waren spontane Portraits nur sehr schlecht möglich, weil die Leute immer leicht erschrocken sind, wenn man dieses "Rohr" auf sie richtet. Ich werde das Sigma durch ein
Nikon AF-S NIKKOR 85 mm 1:1,8G Objektiv ersetzen. Das Objektiv wiegt ein Viertel, ist kaum größer als mein 50mm und auch noch günstiger. Mir war das Sigma einfach zu schade, da es immer mehr daheim blieb. Sollte für Tierpark oder Wildlife mal der Wunsch nach mehr Brennweite aufkommen, gesellt sich ein "dunkles" 55/70-200/300 dazu. All das ändert natürlich nichts an der tollen P/L des Sigmas und macht es um keinen Deut schlechter (wenn man weiß, was man sich mit einem 70-200 2.8 zulegt).