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Siesta italiana: Meine neue italienische Familie
 
 
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Siesta italiana: Meine neue italienische Familie [Taschenbuch]

Chris Harrison , Christiane Burkhardt
4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (16 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Eine herrlich-absurde und doch wahre Geschichte über das Leben und die Liebe im Sehnsuchtsland Italien

„Komm mit mir nach Italien!“ Diese Aufforderung trifft Chris Harrison wie aus heiterem Himmel. Auf einer Reise hatte sich der Australier Hals über Kopf in die quirlige Italienerin Daniela verliebt. Nur wenige Monate später sitzt er nun mit einem One-Way-Ticket im Flieger nach Italien. Witzig, charmant und selbstironisch berichtet der Autor von seinem neuen Leben in einem süditalienischen Dorf mit seinen liebenswürdig-skurrilen Bewohnern, von seiner neuen Großfamilie und dem Abenteuer, mit einer waschechten Italienerin an seiner Seite zu leben.

Über den Autor

Chris Harrison, Journalist und Englischlehrer, wurde in Sydney geboren. Der 35-jährige wuchs in Australien und England auf und lebte dann in Italien. Heute schreibt er für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, darunter „The Sydney Morning Herald“, „The Courier Mail“ und „Sports Illustrated“. „Siesta italiana“ ist sein erstes Buch. Zurzeit lebt er mit seiner italienischen Ehefrau in London.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

1

Eine Einladung, die ich nicht ausschlagen konnte

Es war das Verrückteste, was ich je getan habe. Und ich würde es jederzeit wieder tun. Sie ließ mir keine Wahl - sie hat mich betäubt. Mit ihren lakritzfarbenen Augen, ihrem Mittelmeerteint. Sogar ihr Name jagte mir das Blut wild durch die Adern.
Daniela - mit einem L, man muss lächeln, um ihn korrekt auszusprechen - war innerhalb eines halben Jahres schon das zweite Mal in Australien. Doch auch das genügte uns nicht. Also sagte ich in jenem Hotel in Sydney spontan Ja, als sie
- ich lag noch im Bett und bedauerte, dass das, was wir eben getan hatten, nicht ewig andauern konnte - nackt am Fenster stand und ohne sich umzudrehen leise und tonlos sagte: »Zieh zu mir nach Italien.«
Ich war bereit, so einiges für diese faszinierende Frau zu tun, aber Nachdenken gehörte nicht dazu.

2

Zwei Tage an einem — Mattina

Der Wassermelonenverkäufer des weißen Fischerdorfs am italienischen Stiefelabsatz steht bei Sonnenaufgang auf. Mit nur einer Hand am Lenkrad knattert der erfahrene Kavalier mit seinem verrosteten Laster durch die verwinkelten Gassen. In seiner anderen Hand hält er ein Mikrofon, das mit einem Lautsprecher auf dem Wagendach verbunden ist, und lässt seinen Morgenruf »Meloni, meloni, meloni!« mit einer Lautstärke erschallen, dass er selbst dickste Zementmauern durchdringt und die Einwohner von Andrano noch im Halbschlaf auf seine pralle, reife Ware einstimmt.
Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Zuerst sehe ich Danielas Füße, ihre Knie und Schenkel, dann ihren sich wiegenden Po, dem anzusehen ist, mit welcher Anstrengung sie die Rollläden hochzieht. Als die servanda oben ist, fluten Lärm und Licht ins Zimmer.
»Hast du von Wassermelonen geträumt?«, fragt sie und kommt schweißnass zurück ins Bett.
»Hat noch nie jemand versucht, den Kerl zu erschießen?«, frage ich verschlafen.
»Man gewöhnt sich daran«, sagt sie lachend. »Ich geh und kauf eine, was meinst du?«
»Willst du dir vorher nicht erst noch was anziehen?«, rufe ich ihr hinterher. Aber sie ist schon im Nebenzimmer und kurbelt dort die Rollläden hoch, während ein süditalienisches Dorf zum Lärm eines turbulenten, aber durchaus nicht hektischen Lebens erwacht.
Während ich allein in der schwülen Morgenhitze liegen bleibe, erkunden meine Ohren ein Dorf, das meine Augen erst noch zu Gesicht bekommen werden. Eine campana beginnt zu läuten, leise, aber ganz in der Nähe, und ich zähle jeden trägen Glockenschlag, bis dieses Geräusch von Stimmen auf der Straße übertönt wird. Ein Streit vielleicht, zwischen Männern, die einen Dialekt sprechen, den ich nicht verstehe. Ich höre die Glocke noch einmal läuten, bevor ein Auto hupt. Ein anderes antwortet. Fahrer verständigen sich. Noch einmal die Glocke, bevor Fensterläden knallen und ein Traktor vorüberrattert. Ein Fußball hüpft über Zement. Wieder die Glocke. Wie spät ist es also? »Bravo!« - Kinder bejubeln ein Tor. Und dann das fürchterliche Getöse einer beschleunigenden Vespa - ein 50-Kubik-Motorrad, das seine fehlenden PS durch Lärm wettmacht. Die campana schweigt. Ich glaube, es ist acht Uhr.
Eine Viertelstunde später schlägt die Glocke erneut - obwohl ich von dem langen Flug müde bin und nicht im Geringsten vorhabe, aufzustehen -, nur um nach acht ausdauernden Schlägen eine weitere Glocke in einer höheren Tonlage erschallen zu lassen - es ist Viertel nach acht. Um halb neun kehrt der Wassermelonenverkäufer zurück, das wohlklingende Läuten der Bronzeglocke kann seinem krächzenden Lautsprecher nicht standhalten. Aber um Viertel vor neun höre ich in einem seltenen Augenblick der Stille acht Schläge, gefolgt von dreien in einer anderen Tonlage.
Andranos campana, rechne ich, schlägt 768 Mal am Tag. Ich kann meine Uhr also getrost wegwerfen.
Ich fange an, den Trubel und die wiederkehrenden Rhythmen zu genießen. Ich achte darauf, wie lang die Stille dauern kann, und muss lachen, als bereits wenige Sekunden später eine ältere Frau einem Kind lautstark irgendeine unverständliche Anweisung oder Warnung erteilt. Der Lärm scheint ein festes Morgenritual zu sein, an das ich mich bestimmt noch gewöhnen werde. Aber das Kreischen, das nun folgt, ein lang andauerndes, gequältes Aufheulen, erinnert eher an Folter. »Meeeelanzaaneeciicooooorie!!« Irgendwas stimmt hier nicht.
Es ist der Schrei eines Mannes, ein unerträgliches Lamento, das jeden Winkel des Dorfes durchdringt. Ich springe aus dem Bett und will nach Daniela suchen, als der Schwanengesang, bei dem einem das Blut in den Adern gefriert, erneut anhebt. «Meeeelanzaaneeciicooooorie!!« Ich eile in die Küche und überrasche sie dabei, wie sie an einem vornehm gedeckten Tisch sitzt und sich mit einem ellenlangen Messer über eine Wassermelone von der Größe eines Medizinballs hermacht.
»Che c'é?«, fragt sie und blinzelt mich an.
»Ich glaube, irgendjemand steckt in Schwierigkeiten. Hörst du das nicht?«
»Was denn?«
Wie auf Kommando schreit das Opfer erneut seinen Schmerz heraus.
»Meeeelanzaaneeciicooooorie!!« »Das da.«
Sie lacht und kommt auf mich zu, um mich zu umarmen, allerdings erst nachdem sie das Messer weggelegt hat.
»Das ist Rocco. Ein Gemüseverkäufer. Er hat die besten Auberginen und das beste Chicoree im ganzen Ort. Möchtest du was davon?«
»Ich dachte, er stirbt.«
»Stupido«, sagt sie kichernd, bevor sie nach ihrer Geldbörse greift und auf die Straße eilt.
Nach mehreren Schnitzen Wassermelone führt mich Daniela auf ihre Dachterrasse mit einer atemberaubenden Aussicht auf Andrano. Die zur Mitte hin abfallende, in der Sonne gleißende terrazza verfügt über ein kniehohes Mäuerchen, damit mamma nicht herunterfällt, wenn sie hier die Wäsche aufhängt. Danielas Haus befindet sich mitten in der Altstadt, offiziell sogar auf dem Gelände einer Burg. Nach Süden hin kann ich das mittelalterliche castello erkennen, die Piazza und den campanile oder Glockenturm, auf dem zwei dunkle Glocken nebeneinanderhängen. In nördlicher Richtung sehe ich die bunt durcheinandergewürfelten Dächer schlichter Häuser. Im Osten erstrecken sich Olivenhaine bis zur Küste, ein Fischerboot tuckert aus dem Hafen, und das Mittelmeer glitzert bis hin zu den schwachen Umrissen der albanischen Berge in der Ferne. Landeinwärts liegt eine Hitzeglocke über der sonnenverbrannten Landschaft und dem wüstenartigen Küstenstreifen, wo die Wurzeln der Olivenbäume Felsen erdrosseln, um zu überleben. Verblichene Farben stehen in einem starken Kontrast zum intensiven Blau des Meeres. »Das ist Salento«, erklärt Daniela.
Ich befinde mich auf Augenhöhe mit den Glocken, als sie Andrano laut verkünden, dass es halb zehn ist. Es muss ein Signal für die Frauen sein, in Schürzen auf ihre Terrassen zu treten und die Wäsche aufzuhängen. Graue Dächer explodieren plötzlich vor sommerlichen Farben, als Strandtücher und Badesachen an ihren Wäscheklammern baumeln. Ich lerne Danielas Nachbarn als Erstes über ihre Wäsche kennen. Die Frau von nebenan mag geblümte Nachthemden, ein Nachbar spielt Tennis, und ein im Wind flatternder BH zeigt an, dass zwei Türen weiter eine üppige Signora lebt, die Wert auf Bequemlichkeit legt. Eine ihrer riesigen Unterhosen hat Stoff für zehn Slips von der Sorte, wie sie an Danielas Wäscheleine baumeln.
»Die sehen aus wie Bettlaken«, lästere ich. »Oder Segel. Erstaunlich, dass das Haus nicht davonweht.«
»Criticone«, sagt Daniela, klopft mir tadelnd auf die Schulter und erzählt dann, wie ihr Vater den Unterschied zwischen den Unterhosen einer jungen und einer alten Frau zu erklären pflegte: Wer den Hintern einer alten Frau sehen will, muss ihr die Hose ausziehen. Aber wer den Po einer jungen Frau sehen will, muss die eigene Hose ausziehen. Ihre Anekdote erregt mein Interesse, allerdings nicht wegen ihres Humors, sondern weil sie in der Vergangenheitsform von einem Mann spricht, der immer noch lebt.

Auszug aus Siesta italiana: Meine neue italienische Familie von Chris Harrison, Antje Steinhäuser, Christiane Burkhardt. Copyright © 2008. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

1

Eine Einladung, die ich nicht ausschlagen konnte

Es war das Verrückteste, was ich je getan habe. Und ich würde es jederzeit wieder tun. Sie ließ mir keine Wahl - sie hat mich betäubt. Mit ihren lakritzfarbenen Augen, ihrem Mittelmeerteint. Sogar ihr Name jagte mir das Blut wild durch die Adern.
Daniela - mit einem L, man muss lächeln, um ihn korrekt auszusprechen - war innerhalb eines halben Jahres schon das zweite Mal in Australien. Doch auch das genügte uns nicht. Also sagte ich in jenem Hotel in Sydney spontan Ja, als sie
- ich lag noch im Bett und bedauerte, dass das, was wir eben getan hatten, nicht ewig andauern konnte - nackt am Fenster stand und ohne sich umzudrehen leise und tonlos sagte: »Zieh zu mir nach Italien.«
Ich war bereit, so einiges für diese faszinierende Frau zu tun, aber Nachdenken gehörte nicht dazu.

2
Zwei Tage an einem - Mattina

Der Wassermelonenverkäufer des weißen Fischerdorfs am italienischen Stiefelabsatz steht bei Sonnenaufgang auf. Mit nur einer Hand am Lenkrad knattert der erfahrene Kavalier mit seinem verrosteten Laster durch die verwinkelten Gassen. In seiner anderen Hand hält er ein Mikrofon, das mit einem Lautsprecher auf dem Wagendach verbunden ist, und lässt seinen Morgenruf »Meloni, meloni, meloni!« mit einer Lautstärke erschallen, dass er selbst dickste Zementmauern durchdringt und die Einwohner von Andrano noch im Halbschlaf auf seine pralle, reife Ware einstimmt.
Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Zuerst sehe ich Danielas Füße, ihre Knie und Schenkel, dann ihren sich wiegenden Po, dem anzusehen ist, mit welcher Anstrengung sie die Rollläden hochzieht. Als die servanda oben ist, fluten Lärm und Licht ins Zimmer.
»Hast du von Wassermelonen geträumt?«, fragt sie und kommt schweißnass zurück ins Bett.
»Hat noch nie jemand versucht, den Kerl zu erschießen?«, frage ich verschlafen.
»Man gewöhnt sich daran«, sagt sie lachend. »Ich geh und kauf eine, was meinst du?«
»Willst du dir vorher nicht erst noch was anziehen?«, rufe ich ihr hinterher. Aber sie ist schon im Nebenzimmer und kurbelt dort die Rollläden hoch, während ein süditalienisches Dorf zum Lärm eines turbulenten, aber durchaus nicht hektischen Lebens erwacht.
Während ich allein in der schwülen Morgenhitze liegen bleibe, erkunden meine Ohren ein Dorf, das meine Augen erst noch zu Gesicht bekommen werden. Eine campana beginnt zu läuten, leise, aber ganz in der Nähe, und ich zähle jeden trägen Glockenschlag, bis dieses Geräusch von Stimmen auf der Straße übertönt wird. Ein Streit vielleicht, zwischen Männern, die einen Dialekt sprechen, den ich nicht verstehe. Ich höre die Glocke noch einmal läuten, bevor ein Auto hupt. Ein anderes antwortet. Fahrer verständigen sich. Noch einmal die Glocke, bevor Fensterläden knallen und ein Traktor vorüberrattert. Ein Fußball hüpft über Zement. Wieder die Glocke. Wie spät ist es also? »Bravo!« - Kinder bejubeln ein Tor. Und dann das fürchterliche Getöse einer beschleunigenden Vespa - ein 50-Kubik-Motorrad, das seine fehlenden PS durch Lärm wettmacht. Die campana schweigt. Ich glaube, es ist acht Uhr.
Eine Viertelstunde später schlägt die Glocke erneut - obwohl ich von dem langen Flug müde bin und nicht im Geringsten vorhabe, aufzustehen -, nur um nach acht ausdauernden Schlägen eine weitere Glocke in einer höheren Tonlage erschallen zu lassen - es ist Viertel nach acht. Um halb neun kehrt der Wassermelonenverkäufer zurück, das wohlklingende Läuten der Bronzeglocke kann seinem krächzenden Lautsprecher nicht standhalten. Aber um Viertel vor neun höre ich in einem seltenen Augenblick der Stille acht Schläge, gefolgt von dreien in einer anderen Tonlage.
Andranos campana, rechne ich, schlägt 768 Mal am Tag. Ich kann meine Uhr also getrost wegwerfen.
Ich fange an, den Trubel und die wiederkehrenden Rhythmen zu genießen. Ich achte darauf, wie lang die Stille dauern kann, und muss lachen, als bereits wenige Sekunden später eine ältere Frau einem Kind lautstark irgendeine unverständliche Anweisung oder Warnung erteilt. Der Lärm scheint ein festes Morgenritual zu sein, an das ich mich bestimmt noch gewöhnen werde. Aber das Kreischen, das nun folgt, ein lang andauerndes, gequältes Aufheulen, erinnert eher an Folter. »Meeeelanzaaneeciicooooorie!!« Irgendwas stimmt hier nicht.
Es ist der Schrei eines Mannes, ein unerträgliches Lamento, das jeden Winkel des Dorfes durchdringt. Ich springe aus dem Bett und will nach Daniela suchen, als der Schwanengesang, bei dem einem das Blut in den Adern gefriert, erneut anhebt. «Meeeelanzaaneeciicooooorie!!« Ich eile in die Küche und überrasche sie dabei, wie sie an einem vornehm gedeckten Tisch sitzt und sich mit einem ellenlangen Messer über eine Wassermelone von der Größe eines Medizinballs hermacht.
»Che c'é?«, fragt sie und blinzelt mich an.
»Ich glaube, irgendjemand steckt in Schwierigkeiten. Hörst du das nicht?«
»Was denn?«
Wie auf Kommando schreit das Opfer erneut seinen Schmerz heraus.
»Meeeelanzaaneeciicooooorie!!« »Das da.«
Sie lacht und kommt auf mich zu, um mich zu umarmen, allerdings erst nachdem sie das Messer weggelegt hat.
»Das ist Rocco. Ein Gemüseverkäufer. Er hat die besten Auberginen und das beste Chicoree im ganzen Ort. Möchtest du was davon?«
»Ich dachte, er stirbt.«
»Stupido«, sagt sie kichernd, bevor sie nach ihrer Geldbörse greift und auf die Straße eilt.
Nach mehreren Schnitzen Wassermelone führt mich Daniela auf ihre Dachterrasse mit einer atemberaubenden Aussicht auf Andrano. Die zur Mitte hin abfallende, in der Sonne gleißende terrazza verfügt über ein kniehohes Mäuerchen, damit mamma nicht herunterfällt, wenn sie hier die Wäsche aufhängt. Danielas Haus befindet sich mitten in der Altstadt, offiziell sogar auf dem Gelände einer Burg. Nach Süden hin kann ich das mittelalterliche castello erkennen, die Piazza und den campanile oder Glockenturm, auf dem zwei dunkle Glocken nebeneinanderhängen. In nördlicher Richtung sehe ich die bunt durcheinandergewürfelten Dächer schlichter Häuser. Im Osten erstrecken sich Olivenhaine bis zur Küste, ein Fischerboot tuckert aus dem Hafen, und das Mittelmeer glitzert bis hin zu den schwachen Umrissen der albanischen Berge in der Ferne. Landeinwärts liegt eine Hitzeglocke über der sonnenverbrannten Landschaft und dem wüstenartigen Küstenstreifen, wo die Wurzeln der Olivenbäume Felsen erdrosseln, um zu überleben. Verblichene Farben stehen in einem starken Kontrast zum intensiven Blau des Meeres. »Das ist Salento«, erklärt Daniela.
Ich befinde mich auf Augenhöhe mit den Glocken, als sie Andrano laut verkünden, dass es halb zehn ist. Es muss ein Signal für die Frauen sein, in Schürzen auf ihre Terrassen zu treten und die Wäsche aufzuhängen. Graue Dächer explodieren plötzlich vor sommerlichen Farben, als Strandtücher und Badesachen an ihren Wäscheklammern baumeln. Ich lerne Danielas Nachbarn als Erstes über ihre Wäsche kennen. Die Frau von nebenan mag geblümte Nachthemden, ein Nachbar spielt Tennis, und ein im Wind flatternder BH zeigt an, dass zwei Türen weiter eine üppige Signora lebt, die Wert auf Bequemlichkeit legt. Eine ihrer riesigen Unterhosen hat Stoff für zehn Slips von der Sorte, wie sie an Danielas Wäscheleine baumeln.
»Die sehen aus wie Bettlaken«, lästere ich. »Oder Segel. Erstaunlich, dass das Haus nicht davonweht.«
»Criticone«, sagt Daniela, klopft mir tadelnd auf die Schulter und erzählt dann, wie ihr Vater den Unterschied zwischen den Unterhosen einer jungen und einer alten Frau zu erklären pflegte: Wer den Hintern einer alten Frau sehen will, muss ihr die Hose ausziehen. Aber wer den Po einer jungen Frau sehen will, muss die eigene Hose ausziehen. Ihre Anekdote erregt mein Interesse, allerdings nicht wegen ihres Humors, sondern weil sie in der Vergangenheitsform von einem Mann spricht, der immer noch lebt.
»Meloni-melanzane-banane-patatel« Ein weiterer Obst- und Gemüsehändler bahnt sich seinen Weg durch die Gassen unter uns und bringt eine alte Frau dazu, ihre Wäscheklammern fallen zu lassen und von ihrer Terrasse zu verschwinden, nur um Sekunden später auf der Straße wieder aufzutauchen, wo der Lastwagen anhält und ein Verkauf getätigt wird.
In Andrano kann man überleben, ohne das Haus jemals zu verlassen. Man braucht nur zu warten, bis die Kirchturmglocke Viertel vor zehn schlägt, und den Kopf zum Fenster hinauszustrecken, wenn die alten Laster durch den Ort kurven. Die heiseren Tiraden der Fahrer, die mit einstudierter Melodik zum Besten gegeben werden, werden von selbst gebastelten Lautsprecheranlagen verstärkt und hallen in den staubigen engen Gassen wider. Viele singen im Dialekt und sprechen ihre Kundschaft unmittelbar an. Nahrungsmittel sind die Haupthandelsware, was soll man in Süditalien auch anderes erwarten?
»ZucchineZucchineZucchine!«
»Patate Calimera, patate zuccarine!"
»Funghi-melanzane-peperoni-meloni!«
»Pesche fresche. Cintfue euro na cascia de pesche!«
Dank der Straßenhändler von Andrano umfasst mein Vokabular bald ebenso viele Gemüsesorten wie Danielas Kühlschrank.
Andere Händler verkaufen Haushaltswaren. »Articoli da bagno, articoli da bagnol«, ruft einer und bietet Badezimmerzubehör an - Waagen, Spiegel, Badewannenmatten und Wischmopps. »Mulaforbici!«, ruft ein anderer, in der Hoffnung, unsere Scheren schleifen zu können. »Voglio la murga! Cambio la murga!« Dieser alte Mann, so Daniela, tauscht Küchenutensilien gegen murga - altes Küchenfett, das er zu Seife verarbeitet. Nein danke.
»HausfrauenHausfrauenHausfrauen! Kommt heraus auf die Straße für dieses einzigartige Sonderangebot! Vier Besen für nur zehn Euro!«
»Ist das nicht beleidigend?«, frage ich Daniela.
»Perche?«
»Na ja, wenn er in Australien >HausfrauenLa GiardinieraGärtnerin<. Er war vor allem bei den Bauern beliebt, weil er hinten viel Platz für Werkzeug hat.«
Das Auto sieht aus wie die Oldtimerversion eines Kombis und besitzt drei Türen, von denen zwei nach hinten aufgehen. Es ist kaum länger als ein heutiges Motorrad und auch nicht größer.
Pippo steigt ein und knallt die Tür zu, woraufhin der Kofferraumdeckel aufspringt.
»Du kennst doch Newton?«, fragt Daniela. »Per ogni azione .«
»Ja, ja, ich weiß: Kräfte treten immer paarweise auf. Übt ein Körper A auf einen anderen Körper B eine Kraft aus, so wirkt eine gleichgroße, aber entgegengerichtete Kraft von Körper B auf Körper A.«

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