Pressestimmen
"Ohne falsche Nähe und unkritische Zuneigung, boshaft und detailliert, beschreibt Mulisch dieses große Geheimnis Hitlers.Seine Souveränität zeigt sich darin. ...wie er die verschiedenen Traditionen mischt, wie sein Alter Ego die Niebelungensage, den Tristan- und- Isolde- Mythos, die Schopenhauer und Heidegger mengt und stets die Balance wahrt. Auf wunderliche Weise ist das Mulisch- Werk eine bemerkenswerte Arbeit- und spannend ist es außerdem." Siggi Weidemann, Süddeutsche Zeitung, 17/18.02.01 "Harry Mulischs neues Buch verknüpft auf erzähltechnisch meisterhafte Weise einen geschichtsphilosophischen Diskurs mit einer Art Homestory aus des Führers Wochend-Quartier in Bayern." Dirk Fuhrig, Financial Times Deutschland, 24.03.2001 "Das Buch gilt (in den Niederlanden) als die literarische Sensation des Frühjahrs." Dirk Fuhrig, Frankfurter Rundschau, 31.3.2001 "In Holland war Mulischs neuester Roman die Sensation des Frühjahrs, inzwischen wurde er über 100 000-mal verkauft, und nichts spricht angesichts des glänzend geschriebenen und spannend konstruierten Buchs gegen einen ähnlichen Erfolg in Deutschland." Werner Fuld, Focus, 01.10.01
Kurzbeschreibung
Zwei Hausangestellte vom Obersalzberg, Hitlers Refugium, erzählen eine unglaubliche Geschichte: Adolf Hitler und Eva Braun hatten einen Sohn, Siegfried, den Hitler gegen Ende des Nationalsozialismus erschießen ließ. Ein spannender Roman, der nach der Ursache des Bösen sucht.
Über den Autor
Harry Mulisch, geboren 1927 in Haarlem, lebte in Amsterdam. In seinem umfangreichen Werk, Erzählungen, Romane, Theaterstücke, Gedichte, Essays, Studien, Reportagen, Libretti und Drehbücher, spielen der Zweite Weltkrieg und dessen Folge, der Kalte Krieg, eine wichtige Rolle. Harry Mulisch erhielt zahlreiche Literaturpreise, unter anderem den Niederländischen Staatspreis für Literatur. 2010 verstarb Harry Mulisch.
Auszug aus Siegfried. Eine schwarze Idylle. von Harry Mulisch. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Der Mann wartete kurz auf eine nähere Erklärung; als die ausblieb, holte er den Müllbeutel aus einem Küchenschrank und verschwand wortlos.
Ruhe setzte ein, die Herter mit Absicht nicht störte. Für die meisten Lebenden war Hitler inzwischen nur noch eine Figur aus Actionfilmen oder Komödien, doch diese beiden, Julia und Ullrich Falk, steckten noch voller Erinnerungen an die versunkene Zeit, sie waren dabeigewesen, für sie war alles wie gestern, und sie konnten noch endlos über ihn weitererzählen, und sei es auch nur, um das, was sie eigentlich sagen wollten, hinauszuzögern. Als die Stille peinlich zu werden begann, passierte, was Herter erhofft hatte. Die beiden wechselten einen Blick, und dann stand Falk auf und sah kurz auf dem Gang nach, ob niemand an der Tür lauschte. Er setzte sich wieder hin und sagte:
"Eines Tages, im Mai achtunddreißig, kurz nach dem Anschluß, kamen Gäste; zusammen mit Frau Mittlstrasser, der Gattin des Hausmeisters, deckten wir gerade den Tisch für das Mittagessen. Das mußte immer sehr sorgfältig geschehen, denn manchmal kniete der Chef sich hin und kontrollierte mit einem zugekniffenen Auge, ob alle Gläser sauber in einer Reihe standen."
"Das war sein architektonischer Blick", nickte Herter. "Auf diese Weise betrachtete er auch Speers Modelle von Germania und seine in Formation angetretenen Truppen."
"Plötzlich erschien Linge im Speisesaal und meldete, der Führer wolle uns sprechen."
"Linge?" fragte Herter.
"Das war der Nachfolger von Krause."
"Wir waren zu Tode erschrocken", sagte Julia. "Wenn er etwas von uns wollte, rief er immer selbst an, wir wurden nie offiziell zu ihm gerufen."
Oben, in seinem Arbeitszimmer, wo er mit Schreien und Drohungen ganze Länder in die Knie gezwungen hatte, saß eine kleine Gesellschaft auf der breiten Couch und in den Sesseln: der Chef und Fräulein Braun, Bormann, der massige Hofmarschall Brückner und der Hausmeister, auch ein Offizier. Ängstlich blieben die beiden stehen; die Spannung in dem Zimmer war greifbar, doch Brückner gab Linge Order, zwei Stühle aus der Bibliothek zu holen. Das war auf jeden Fall beruhigend, machte die Situation jedoch nur noch unerklärlicher. Was sollten sie beide, zwei untergeordnete Hausangestellte in den Zwanzigern, bei all den hohen Herren? Als sie auf den geraden Bauernstühlen Platz genommen hatten, warf Brückner Linge einen unmißverständlichen Blick zu, der ihm befahl, das Zimmer auf der Stelle zu verlassen.
Während seine zierliche Hand auf dem Nacken Blondis ruhte, die mit gespitzten Ohren neben seinem Sessel saß wie ein stolzes Wesen aus einer anderen, unschuldigeren Welt, sagte Hitler, dies sei zweifellos der wichtigste Tag in ihrem Leben, denn er habe beschlossen, eine welthistorische Aufgabe auf ihre Schultern zu legen. Er schwieg einen Moment und sah zur Chefin, die blaß zwischen den beiden Offizieren Brückner und Mittlstrasser auf der Couch saß.
"Herr Falk, gnädige Frau", sagte Hitler förmlich, "ich werde Ihnen ein Staatsgeheimnis verraten: Fräulein Braun erwartet ein Kind."
Ruhe setzte ein, die Herter mit Absicht nicht störte. Für die meisten Lebenden war Hitler inzwischen nur noch eine Figur aus Actionfilmen oder Komödien, doch diese beiden, Julia und Ullrich Falk, steckten noch voller Erinnerungen an die versunkene Zeit, sie waren dabeigewesen, für sie war alles wie gestern, und sie konnten noch endlos über ihn weitererzählen, und sei es auch nur, um das, was sie eigentlich sagen wollten, hinauszuzögern. Als die Stille peinlich zu werden begann, passierte, was Herter erhofft hatte. Die beiden wechselten einen Blick, und dann stand Falk auf und sah kurz auf dem Gang nach, ob niemand an der Tür lauschte. Er setzte sich wieder hin und sagte:
"Eines Tages, im Mai achtunddreißig, kurz nach dem Anschluß, kamen Gäste; zusammen mit Frau Mittlstrasser, der Gattin des Hausmeisters, deckten wir gerade den Tisch für das Mittagessen. Das mußte immer sehr sorgfältig geschehen, denn manchmal kniete der Chef sich hin und kontrollierte mit einem zugekniffenen Auge, ob alle Gläser sauber in einer Reihe standen."
"Das war sein architektonischer Blick", nickte Herter. "Auf diese Weise betrachtete er auch Speers Modelle von Germania und seine in Formation angetretenen Truppen."
"Plötzlich erschien Linge im Speisesaal und meldete, der Führer wolle uns sprechen."
"Linge?" fragte Herter.
"Das war der Nachfolger von Krause."
"Wir waren zu Tode erschrocken", sagte Julia. "Wenn er etwas von uns wollte, rief er immer selbst an, wir wurden nie offiziell zu ihm gerufen."
Oben, in seinem Arbeitszimmer, wo er mit Schreien und Drohungen ganze Länder in die Knie gezwungen hatte, saß eine kleine Gesellschaft auf der breiten Couch und in den Sesseln: der Chef und Fräulein Braun, Bormann, der massige Hofmarschall Brückner und der Hausmeister, auch ein Offizier. Ängstlich blieben die beiden stehen; die Spannung in dem Zimmer war greifbar, doch Brückner gab Linge Order, zwei Stühle aus der Bibliothek zu holen. Das war auf jeden Fall beruhigend, machte die Situation jedoch nur noch unerklärlicher. Was sollten sie beide, zwei untergeordnete Hausangestellte in den Zwanzigern, bei all den hohen Herren? Als sie auf den geraden Bauernstühlen Platz genommen hatten, warf Brückner Linge einen unmißverständlichen Blick zu, der ihm befahl, das Zimmer auf der Stelle zu verlassen.
Während seine zierliche Hand auf dem Nacken Blondis ruhte, die mit gespitzten Ohren neben seinem Sessel saß wie ein stolzes Wesen aus einer anderen, unschuldigeren Welt, sagte Hitler, dies sei zweifellos der wichtigste Tag in ihrem Leben, denn er habe beschlossen, eine welthistorische Aufgabe auf ihre Schultern zu legen. Er schwieg einen Moment und sah zur Chefin, die blaß zwischen den beiden Offizieren Brückner und Mittlstrasser auf der Couch saß.
"Herr Falk, gnädige Frau", sagte Hitler förmlich, "ich werde Ihnen ein Staatsgeheimnis verraten: Fräulein Braun erwartet ein Kind."