Diese Alternativ-Geschichte ist für mich eine wirklich schwere Rezension, weil sich selten in einem Buch so viele gute wie auch negative Aspekte gegenüberstehen.
Markus Reichardt verändert an der Geschichte des Attentats vom 20. Juli vordergründig nur 2 Faktoren: Er lässt Stauffenberg auch die zweite, in der Realität ungenutzte, Sprengladung in die Aktentasche packen, wodurch Hitler erheblich schwerer verletzt wird und schließlich stirbt. Und er lässt Feldmarschall Rommel, der in der Realität kurz vor dem 20. Juli bei einem Tieffliegerangriff schwer verletzt wurde, diesen Angriff unverletzt überstehen. Hierdurch wird Rommel zum entscheidenden Unterstützer der Verschwörer.
Das alternative Szenario, dass Reichardt entwickelt, sieht nach dem Tod Hitlers die verblieben Führungsspitze des NS-Regimes kopflos agieren, wodurch es den Militärs möglich ist, ihre Machtposition zu festigen. Als einzelne Funktionsträger der SS aus Eigennutz zu den Verschwörern übertreten und sogar Himmler ermorden, bricht jeglicher Widerstand des alten Regimes zusammen. Mit Hilfe Rommels, der bei den Soldaten der Westalliierten großes Ansehen genießt, gelingt es im Westen einen planmäßigen Rückzug der deutschen Streitkräfte durchzuführen. Gleichzeitig werden die Rüstungsanstrengungen in Reich auf wenige Waffensysteme (u.a. dem Düsenjäger) konzentriert. Mit diesen Waffen und den freigesetzten Soldaten gelingt es der Wehrmacht eine letzte Offensive gegen die vorrückenden russischen Truppen zu starten und diese in Polen zu stoppen. Da sich gleichzeitig der Gegensatz zwischen Stalin und Churchill verstärkt setzt die neue deutsche Regierung darauf, Deutschland und Polen von den Westalliierten besetzten zu lassen, um so den sowjetischen Einfluss auf das Nachkriegseuropa zu begrenzen. Mit dem Tode Roosevelts gelingt diese Politik, da der neue Präsident Truman Stalin ebenfalls sehr skeptisch gegenübersteht.
Reichardts Buch ist wirklich gut geschrieben. Eine spannende Lektüre, die unterhält und zum Nachdenken anregt. Viele Fakten und Entwicklungen deutet er sicher richtig, so z.B. dass die SS-Führung unter Himmler durchaus vorab Kenntnis von den Attentatsplänen hatte und diese aus eigenem Machtinteresse nicht blockierte. Soweit eine gute Alternativ-Geschichte, die man empfehlen kann.
Doch einige Aspekte sind aus meiner Sicht sehr störend. Das von Reichardt aufgestellte Szenario ist sehr militärlastig. Es erinnert fast ein bisschen an die NS-Propaganda der letzten Kriegszeit, dass mit Wunderwaffen und dem bedingungslosen Einsatz der Wehrmacht gegen die Sowjets die Alliierten auseinander dividiert werden können. Das hat in der Realität nicht funktioniert und auch in einer Fiktion ist der Gedanke, dass sich die seit vielen Jahren gemeinsam kämpfenden Alliierten durch eine neue deutsche Regierung so leicht auseinander brechen lassen, bei allen bestehenden Gegensätzen, nicht glaubhaft. Der unbedingte und unkritische Glaube Reichardt an eine militärische Lösung ist nicht überzeugend.
Was mir jedoch wirklich sehr aufgestoßen ist, war, dass Reichardt in seinem über 600 Seiten starken Wälzer ca. 10 Seiten auf den Holocaust und die Naziverbrechen in den Lagern verwendet. Keine einzige Szene spielt in Auschwitz oder einem anderen Lager. Pflichtschuldigste Betroffenheit der neuen deutschen Führung und dann geht es weiter zur politischen Tagesordnung. Besonders unangenehm, die Aussage, dass man das so nicht gewusst habe. Das ist nicht nur nachweislich falsch, da sich viele Verschwörer in ihren Verteidigungsreden vor dem Volksgerichtshof ausdrücklich auf die Morde im Osten bezogen. Letztlich wird hier die alte Nachkriegsmär wiedergegeben, dass der Völkermord nur von einer kleinen Clique innerhalb der SS und sehr konspirativ ausgeführt wurde. Dies ist jedoch durch die historische Forschung seit langem widerlegt worden. Hier verkennt Reichardt auch die Wirkung, die die Vernichtungslager auf die Alliierten hatten. Spätestens nach der Befreiung von Bergen-Belsen und Auschwitz war für die alliierten Soldaten der Krieg endgültig zu einem Kreuzzug geworden, welcher Separatfrieden oder gar Kooperation mit den Deutschen unmöglich machte.
Das Reichardts Buch in einem vorsichtig ausgedrückt sehr konservativen" Verlag erschienen ist, der in meiner Ausgabe auf den letzten Buchseiten auch ausgerechnet noch für Bücher über die Waffen-SS wirbt, macht das Ganze dann wirklich anrüchig.
Fazit: Wirklich gut geschrieben und spannend, aber mit sehr bedenklichen politischen Aussagen und weit vom aktuellen Forschungsstand zur Geschichte des Widerstands und zur NS-Zeit allgemein entfernt. Deswegen von mir nur mit Bedenken 3 Sterne.