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Siedler Geschichte Europas: Phoenix Europa
 
 
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Siedler Geschichte Europas: Phoenix Europa [Gebundene Ausgabe]

Hagen Schulze

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Neue Zürcher Zeitung

Europa – keine gute Geschichte

Ein Werk von Hagen Schulze

Von Hanno Helbling

Eine einleitende Bemerkung sei, wenn nicht gestattet, so doch verziehen (oder umgekehrt). In dem Verlag, den Wolf Jobst Siedler gegründet hat und leitet und der jetzt zum Bertelsmannschen Unternehmensbereich gehört, hat eine vierbändige Geschichte Europas zu erscheinen begonnen. Sie heisst daher «Siedler Geschichte Europas». Das Besondere einer «Siedler Geschichte» besteht offenbar darin, dass ihr erster Band die Alte Welt, der zweite das Früh- und Hochmittelalter, der dritte das Spätmittelalter und die frühe Neuzeit darstellen wird, der vierte und zuerst publizierte aber die Moderne behandelt – die Zeit zwischen 1740 und der Gegenwart. Die Bände seien, so teilt der Verlag mit, «von den ersten Historikern ihres Fachgebiets verfasst»; und zweifellos sind die Autoren erste (deutsche) Historiker. Der Verlag erklärt ausserdem: «Die Geschichte Europas muss neu erzählt werden. Damit Europa eine Zukunft haben kann, müssen wir wissen, was es für eine Vergangenheit hat.» Und das wüssten wir nicht, wenn Siedler nicht neu erzählen liesse? Da sieht man, wie wenig zwischen der Zukunft Europas und seinem definitiven Ruin steht.

Cela dit, kann man feststellen, dass Hagen Schulze ein gutes Buch mit dem (eigentlich doch optimistischen) Titel «Phoenix Europa» geschrieben hat. Ein gutes Buch über eine Geschichte, von der man freilich nicht sagen kann, sie sei eine gute Geschichte. Europa – ein Raum der Feindschaften; in seinen besten Zeiten: der gehegten Feindschaften. So sieht es wenigstens aus, wenn die Aufmerksamkeit sich auf Staaten-, auf Sozial- und Wirtschaftsgeschichte richtet; wenn Beethoven nur erwähnt wird, weil er die  Eroika-Widmung an Napoleon zerrissen, oder Goethe, weil er sich an patriotischer Euphorie nicht beteiligt hat. Europa – ein Raum der Bildung und der Künste; das ist etwas anderes. – Schulze vernachlässigt die Geistesgeschichte des nicht immer nur geplagten und mit materiellen Auferstehungen beschäftigten Kontinents nicht ganz; jedenfalls nicht ganz und gar. Vor allem das erste Kapitel («Alte und neue Welt») verbindet eine sehr sicher akzentuierende Darstellung der sich wandelnden Gesellschaften in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit Hinweisen auf das kulturelle Gepräge des Ancien Régime; und auch das eine und andere Stilelement der Gründerjahre, des Fin de Siècle, der Zwischenkriegszeit kommt zur Sprache; der reichhaltige Bildteil erinnert gelegentlich an Bauten und Bilder – und naturgemäss nicht an Musik oder Literatur.

Der Zwang zur Konzentration, dem eine so weit gespannte Arbeit unterliegt, wirkt sich auf die Analyse der Frühstadien der Moderne nur günstig aus. Anekdotisches ist vermieden, eine Aufzählung der Ereignisse bleibt uns erspart, die sozialökonomischen Grundbedingungen der politischen Herrschaft und die Todesursachen des Absolutismus treten hervor; für das einzelne verweist Schulze mit Recht auf Theodor Schieders Handbuch der europäischen Geschichte; er erzählt die Fakten nicht nach, er interpretiert sie – man glaubt seiner Methode französische Vorbilder anzusehen, und dazu passt, dass sich der Überblick von provinziellem Interesse freihält.

Auch in den späteren Teilen ist die Sicherheit zu bewundern, mit der sich Schulze auf das jeweils Entscheidende beschränkt, nun aber eher im Rahmen einer histoire évènementielle, der er sich nicht entziehen kann oder will und die er durch Weglassen und Herausheben modelliert, wobei nun die Proportionen mitunter ein wenig zugunsten der deutschen Bewandtnisse verschoben werden. Nicht immer erzählt er «neu»; sein Urteil über die Bündnispolitik Bismarcks bleibt hinter Otto Pflanzes Untersuchung (und Golo Manns vorwegnehmender Destruktion) zurück. Das mag mit einem sympathisch persönlichen Zug seiner Geschichtsschreibung zusammenhängen: auch die wichtigen Dinge sind ihm nicht alle gleich wichtig. Und manche Erscheinung hält er mit gutem Grund für ausreichend erörtert; Hitler zum Beispiel.

Dass aber Europa ihm wichtig ist, spürt man im Schlussteil des Buchs. Die Geschichte des letzten halben Jahrhunderts («Phoenix aus der Asche») ist mit einem Engagement geschrieben, das nun wieder ganz der Analyse zugut kommt. Wobei die ruhige Objektivität seiner sichtenden Bestandesaufnahme – Ergebnis eben eines wirklichen Engagements – im deutschen Kontext wohltuend absticht von den historisch-politischen Aufregungen, in denen der Unterschied zwischen nationalsozialistischer Altlast und nationaler Problematik entschieden zu kurz gekommen ist. «Das neue Europa ist das alte Europa», so überschreibt er das letzte Kapitel – ein unsinniger Satz, solang man nicht sagt, was er meint; aber Schulze sagt es: Europa ist nach wie vor und seit einigen Jahren erst recht wieder ein «Verein» (wie Leopold Ranke es nannte) von Nationalstaaten (von «Vaterländern», wie Charles de Gaulle sie nannte): einer Struktur sich nähernd, die dazu bestimmt ist, die Feindschaften unter den Völkern zu hegen; ein Europa der politisch denkfähigen citoyens – «der Staatsbürger, nicht der Spiessbürger» (man blickt um sich und hofft).

Kurzbeschreibung

Die vier Bände dieses Historienwerks, verfasst von den renommiertesten Historikern ihres Fachgebiets, führen mit erzählerischer Leichtigkeit und gedanklicher Klarheit durch zweieinhalb Jahrtausende europäischer Geschichte.

Das vierbändige Werk im Großformat 19,3 x 26,5 cm wird auf Papier von hoher Qualität gedruckt. Jeder Band hat einen Umfang von etwa 500 Druckseiten und enthält etwa 200 Schwarzweißabbildungen und 16 Farbtafeln, daneben Karten, Diagramme, Tabellen, Literaturverzeichnis und Register.


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