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Vielleicht nötiger denn je in einem Moment, wo auf dem Balkan Krieg herrscht in einem Konflikt, dessen Wurzeln Jahrhunderte zurückreichen in die Geschichte dieses Kontinents: Was ist das, Europa? Wie ist es geworden, was es ist? Was verbindet die drei Dutzend Staaten und was trennt sie? Wer dazu Rat in der Historie sucht, wird schnell ratlos: Auf dem Buchmarkt dominiert immer noch die Geschichte der Einzelstaaten. Es gibt nicht viele Darstellungen des "Europäischen Hauses". Dieses Buch füllt also eine Lücke, und das auf bemerkenswerte Weise.
Der hier zu besprechende dritte Band von Heinz Schilling zeigt, wie jenes Staaten- und Kulturkonglomerat entstanden ist, das bis heute den politischen Raum Europa bildet. Zeitlich setzt Schilling, Ordinarius der Berliner Humboldt Universität, früher ein als üblich: um 1250. Diese Epochengrenze ist gut gewählt. Viele Dinge, die konstitutiv werden sollten für die folgenden Jahrhunderte, tauchen damals auf: Die Stadt etwa, wie wir sie heute kennen, verbreitet sich über ganz Europa und mit ihr städtisch geprägtes Denken und städtisch geprägte Kultur. Universität und Scholastik beginnen, den christlichen Glauben zu systematisieren und ihn mit der antiken Philosophie zu verbinden. Damit entstehen nicht nur die Grundlagen moderner Wissenschaftlichkeit, sondern zugleich auch Fundamente des neuzeitlichen Individualbewußtseins.
Noch viel weniger als eine Nationalgeschichte kann eine Geschichte Europas von den für alle geltenden Voraussetzungen absehen, etwa vom Klima, das über Nahrungsmittelproduktion und Bevölkerungsentwicklung entscheidet. Schilling zieht die großen Linien der Agrar- und Wirtschaftsgeschichte nach und skizziert selbst die Entstehung der uns so vertrauten europäischen Landschaften, etwa der großen Waldgebirge und der Weinbaugebiete: Auch Landschaft ist weitgehend Menschenwerk! Breiten Raum nimmt im Buch zu Recht die Geschichte der Mentalitäten ein, denn den psychokulturellen und psychosozialen Gemeinsamkeiten wohnt letztendlich jene Bindungsmacht inne, die uns den Kontinent als Einheit begreifen läßt.
Ein Groß-Essay von über 500 Seiten, der den Leser nicht in Fakten ertrinken läßt, sondern -- gerade auch dem interessierten Laien -- souverän nahebringt, "what it's really all about". --Michael Winteroll
Pluralistisches Europa in christlicher Einheit
Heinz Schilling über die «neue Zeit»
In der vom Siedler-Verlag herausgegebenen Reihe zur deutschen Geschichte hat Heinz Schilling in den Jahren 1988 und 1989 zwei Bände vorgelegt, deren erster die Epoche der Reformation und der Konfessionalisierung zwischen 1517 und 1648 behandelt und deren zweiter das späte 17. und die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts unter dem Titel «Höfe und Allianzen» zusammenfasst. Diese Epochengliederung war damit begründet, dass mit den Friedensschlüssen von Westfalen, dem Pyrenäenfrieden und Oliva (1648/1660) eine Aufbruch- und Kriegsperiode zu Ende geht und ein Einschnitt erreicht ist, der einen älteren und einen jüngeren Teil der frühen Neuzeit voneinander trennt. Es war die kulturelle Basis für eine neue Stabilität entstanden, die den Entwicklungsschub ermöglichte, der dann in die Aufklärungszeit hineinführte.
1250 bis 1750
Den theoretischen Hintergrund für diese Gliederung sah Schilling in einem Konzept der «Vor-Sattelzeit» der Moderne. Dieser auf den ersten Blick nicht gemeinverständliche Begriff meint, dass zu jener «Sattelzeit» zwischen 1750 und 1850, deren Konzept dem begriffsgeschichtlichen Lexikon «Geschichtliche Grundbegriffe» von Brunner, Conze und Koselleck zugrunde gelegt ist und die ein «Alteuropa» von der Dynamik des 19. und 20. Jahrhunderts trennt, noch ein Vorbegriff erforderlich ist der eben jene Konsolidierung Europas in der Mitte und der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts namhaft macht, die mit der Beendigung der religiös aufgeheizten Bürgerkriege und der relativen Eigenständigkeit der Staatsräson ein Gefühl neuer Sekurität hervorgebracht hatte. Bahnbrechende Erfindungen im Bereich der Naturwissenschaften kamen beruhigend und entlastend hinzu; der amerikanische Historiker Theodore K. Rabb hat diese Entwicklung in einem schmalen Bändchen «The Struggle for Stability in Early Modern Europe» brillant skizziert.
Nun hat Heinz Schilling in der «Siedler-Geschichte Europas» ein Werk vorgelegt, das den Zeitraum zwischen 1250 und 1750 unter dem Titel: «Vom Christenheitseuropa zum Europa der Staaten» zusammenfasst. Fünfhundert Jahre europäischer Geschichte wollen neu strukturiert werden aber nicht mehr so, dass ein Abschnitt vom Spätmittelalter bis etwa 1500 reicht und dann ein anderer die sogenannte «frühe Neuzeit» zusammenfasst. Diese Zerstückelung soll bewusst überwunden werden. Das setzt einen Abschied von alten, liebgewordenen Geschichtsbildern voraus. Kolumbus, einer der Heroen der bürgerlichen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, der Umstürzler, der Entdecker der «Neuen Welt» was ist er anderes gewesen als ein Mensch des Mittelalters? Was sollte er denn fragt Schilling auch anderes gewesen sein? Was Luther betrifft, so treten seine Vorläufer immer deutlicher hervor: Wyclif in England, Hus in Böhmen. Und die Reformation? Nicht das punktuelle Ereignis steht heute im Vordergrund der Forschung, sondern der zähe Prozess der Konfessionalisierung, der die Glaubenssysteme erst institutionell absicherte und sie zu einer alle Poren der Gesellschaft durchdringenden Realität machte.
Die Abdankung der Theologie als Welterklärungswissenschaft sei nicht so sehr den neuen Naturwissenschaften zuzuschreiben, sondern dem Denken von Juristen wie Hobbes und Locke, die den Regierungen die neue überkonfessionelle Ordnung erklärten. Erst in den Jahrhunderten des entfesselten Prometheus seien dann die Naturwissenschaften kulturverändernd zum Zuge gekommen. Die Grossgliederung des Buches von der Mitte des 13. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts macht vor der Aufklärung halt. Diese ist ein Ereignis am historischen Horizont, das seine Wurzeln jedoch, wer wollte das bestreiten, der Auseinandersetzung mit dem christlichen Europa verdankt.
Schilling beginnt mit einer «politischen Morphologie» Europas. Es geht um «Vorreitergesellschaften» und um die Verlagerung der Kraftzentren, um die Integration der Randzonen und um die europäische Expansion. Dieses Programm erinnert ein wenig an die Gliederung in Immanuel Wallersteins Buch über die Entstehung des «Modernen Weltsystems» mit seinen sich verschiebenden starken Zentren, ihren überseeischen und osteuropäischen Peripherien und der Semi-Peripherie der abgesunkenen ehemaligen Wirtschaftskerne. Doch Wallerstein taucht in der Literaturübersicht nicht auf; die Gliederung ist bei Schilling nicht ökonomisch, sondern kulturell-politisch definiert. Die Ausrichtung ist auch eine ganz andere: Schilling zeigt weniger das Neue an der europäischen Weltwirtschaft, sondern das christliche Europa in seiner Pluralität. Keineswegs sei Europa im Mittelalter, wovon der Romantiker Novalis träumte, eine Einheit gewesen. In der kämpferischen und konkurrierenden Vielfalt, letztlich doch immer wieder überwölbt von einem Gemeinschaftsgefühl, liege Europas Beitrag zum Konzert der Weltkulturen.
In einem zweiten Abschnitt geht es dann doch um «Strukturen und Prozesse». Wir werden zum Zeugen, wie Europa sozusagen immer an der Überwindung seiner Krisen und Katastrophen gewachsen ist. Insofern ist das Grundmotiv des in dieser Reihe bereits erschienenen Bandes «Phoenix Europa» von Hagen Schulze auch hier schon am Werke. Das Unheil beginnt mit dem scharfen demographischen Einschnitt im Spätmittelalter in der Zeit der grossen Pest von 13471352, die eine Abschwungphase einleitet, die erst mit dem Aufwärtstrend im «langen 16. Jahrhundert» überwunden wird. Doch auch diese Expansion aus der Krise heraus endet noch einmal in der neuerlichen «Krise des 17. Jahrhunderts» ein heute übrigens umstrittener Begriff.
Schilling zeigt aber nicht nur die Einbrüche, sondern auch deren sozialpsychologische Folgen in der Suche nach Sündenböcken: Ketzerverfolgungen, Pogrome, Hexenverbrennungen. Es schliesst sich ein Stück Wirtschafts- und Wissenschaftsgeschichte an; wer aber gebannt auf die beeindruckende europäische Vernetzung der frühen Universitäten schaut, wird schnell belehrt, dass Wissenschaftsfreiheit in unserem Sinne damals nicht existierte. Die Universitäten waren erst dem Zugriff der Kirche, dann dem der konfessionell zunächst unduldsamen Staaten ausgeliefert. Und doch, das zeigt der dritte Teil über «Staaten und Mächte», haben die frühneuzeitlichen Funktionseliten nicht nur im Sinne ihrer Territorien funktioniert, die sich «Schlüsselmonopole» aneigneten und sich so zum eigentlichen neuzeitlichen Staat wandelten. Sie haben auch sehr wohl eine Rolle bei der «Bändigung der Wolfsnatur» des Menschen gespielt. Damit meint Schilling aber nicht nur den berühmten Satz des Thomas Hobbes, sondern viel allgemeiner einen Prozess, der zu einer ersten europäischen Staatenordnung mit einem säkularen Völkerrecht und einer Gleichgewichts- und Kongressdiplomatie geführt hat. Im Grunde ist er damit bei der Schwerpunktsetzung von «Höfe und Allianzen» wieder angelangt, nur jetzt nicht mehr auf deutscher, sondern auf europäischer Ebene.
Wer kommt als Leser für ein solches Buch in Betracht? Das ist ein wenig eine Geschmacksfrage. Wer sich über den Fehlschlag des habsburgischen Imperiums unter Karl V. informieren will, greife doch lieber zu Wallerstein: dessen Gegenüberstellung von einer dynamischen Weltwirtschaft und einem blossen Weltreich leuchtet ein, inklusive der Erklärung, die Entstehung dieser europäischen Weltwirtschaft sei das eigentliche Novum der europäischen Geschichte seit dem späten 15. und frühen 16. Jahrhundert. Wer Lust an leicht abenteuerlicher Lektüre hat, kann sich, was die Verfolgung von Juden, Ketzern und Hexen im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit betrifft, auch in Carlo Ginzburgs «Hexensabbat» vertiefen. Wer die scharf pointierte These liebt, sollte sich unbedingt das erwähnte (leider immer noch nicht übersetzte) Buch von T. K. Rabb ansehen. Wer wissen will, ab wann sich die Europäer als Europäer betrachteten, könnte auch einen Blick in das Werk von John Hale über die «Kultur der Renaissance in Europa» werfen. Konkurrenz
Was ich damit sagen will: Ein solches Buch wie das von Heinz Schilling hat viele Konkurrenten. Alle stellen Gesamtprozesse dar, alle setzen die Schwerpunkte etwas anders. Wer sich über die Dualität von Kirche und Welt als «Eckstein des europäischen Zivilisationstypus» informieren will, ist mit diesem grossformatigen Buch gut beraten. Die Bildausstattung ist dem Kaufpreis angemessen; auf den ersten Blick befremden bunte Doppelseiten, die etwa den Turm von Belém in Lissabon oder die Burg Trakai bei Vilnius zeigen und die man eher in Reiseführern erwartet hätte. Aber vielleicht folgt der Leser ja dem Wink und fährt dorthin. Das ganze Europa von West bis Ost ist immer noch zu entdecken.
H. D. Kittsteiner
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