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Zugutehalten muß man dem Autor aber, daß er nicht (wie z. B. Eichendorff in seinem "Taugenichts") wirklich ungehemmt in Sentimentalitäten versinkt: zwar fließen die Tränen in Strömen und die Herzen brechen, aber immer sitzt die Satire bereit und zertrümmert die Hingabe an unvernünftige Schwelgereien. Eine Menge Ironie ist dafür verantwortlich, daß das eigentlich ziemlich bemitleidenswerte Leben des Armenadvokaten Siebenkäs, der ohne Geld mit seiner naiven und frömmlerischen jungen Frau in einer schwäbischen Kleinstadt zu verkommen droht, seine Härte verliert.
Außerdem bietet der gute Jean Paul vor allem im letzten Teil dieses Schinkens ein Feuerwerk an schrägen Einfällen (Scheintod und Doppelgängertricks ... selber lesen!), die dem Leser die Mühen zumindest teilweise entgelten, die er zweifelsohne über weite Strecken haben wird. Schließlich erschien die erste Auflage 1797, und daß der damalige Bestsellerautor heute eher eine Randerscheinung darstellt, liegt nicht zuletzt an seinem ausschweifenden Stil.
Was geschieht da? Zum Geburtstag des Jean Paul am 21.3.
Am dünnen Faden eines ersten Vogelgesangs steigt jubilierend die Welt empor, schon ganz erfüllt vom Duft und Bienensummen und Ergrünen und von aller Sehnsucht des Frühlings.
War da ein „Winter" ? Dieses seltsame Erstarren auf dem halben Weg zwischen Leben und Tod, dieser traumlose Schlaf mitten auf der Reise?
Aus der feuchten Erde kommen die Saaten hervor und aus den Augenhöhle eines im Glück oder Leid zerknickten Lebens eine duftende Blume, voll Erinnerung und neuer Sehnsucht. Wohin geht nun Deine Liebe?
Welche Vorstellung, dass dies der Schädel des Schicksals- und Seelenmalers Jean Paul sei, der bei Kanaldruckarbeiten des Versorgungsunternehmens an die Oberfläche geschossen wurde. Es weiß der Wurm, der von der frischen Erde saugt, es weiß der Vogel, der mit ihm sein frisch geschlüpftes Glück füttert. Hörst Du es singen von Lust und Freude?-
Die Sonne rollt als ein roter Feuerball vor und den Himmel hinauf, übergießt die Schneewüsten mit glühendem Licht und ein warmer Wind vom italienischen Versprechen lässt die kalten Kristalle in einem großen Nachgeben zerfließen.
Unter den groben Schlägen der Maschine des Straßenbauamts brechen und bluten die Zweige des Wildrosengestrüpps. Zu Tode erschreckt verlassen uns Spatzen, Meisen und gerade erst zurückgekehrte Zaunkönige. Ein Schuljunge schreckt aus seinen Comic-Träumen auf. Er versteht nicht, warum die Menschen ohne Not so viel Leid in das Leben schlagen müssen. Ein zerbrochenes Ei liegt im Graben, von der lieben Katze der Nachbarin bereits sauber geleckt. Er beugt sich nieder. Und als er die Augen wieder erhebt, taucht er zurück aus einem von Wort und Fühlen überquellenden „Zykels" eines seltsamen Buches eines seltsamen Dichters. Es ist die Zeit, in der bewegte Studenten wieder zu ihrer Karriere zurückkehren oder ganz aufgeben, und in der die Liebe wieder -und nach langer Zeit mächtiger - über die Lebenspläne verdrossener Gescheiterter einstürzt, sie zu retten, sie gänzlich niederzubeugen. Frühling? 1979? Bamberg.
Ich kaufe mir ein Kilo Wortkaskaden eines liebend leidenden Anarchisten und Seelenbotanikers im Fürstengarten des kleinen Mannes, in einer zweibändigen „Gesamtausgabe". Und ich werde sie immer und immer wieder lesen, während mein Leben selbst vom Rad des Alltags gequetscht, vom Rad der Liebe getragen, auf es geflochten, in ihm gewendet wird. In der Badewanne, wie es sich für Literatur vom tiefstem Ernst und närrischstem Witz gehört, für die Rose überm Totenschädel, die Lerche über der Rose, die Sonne des ersten Morgens und den Mond des unausweichlichen Verlusts über dem Himmel, und für das, was so unerkannt in uns sagt: „Willkommen!"
Klaus Wachowski
08.02.2005
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