Jonny Glynn legt mit dem Roman "Sieben Tage" einen Erstling vor, der wohl kaum einen Leser kalt lassen dürfte und den man auch nicht als billige Sensationshascherei abtun sollte.
Inhaltlich geht es um eine Woche im Leben des Ich-Erzählers Peter Crumb, einen alleinstehenden Mann um die 40, der offensichtlich an Dissoziativer Identitätsstörung bzw. Multipler Persönlichkeitsstörung leidet. Crumb, der ständig seine Darmbewegungen reflektiert und Form und Festigkeit seines Stuhlgangs anhand einer höchst eigenwilligen Skala bemisst, entschließt sich, eine Woche lang planvoll mordend durch seine Heimatstadt London zu ziehen, um anschließend seiner von Isolation und Ausgrenzung geprägten Leidensexistenz ein vorzeitiges Ende zu setzen. Dabei lässt er sich von den Schlagzeilen der bekanntermaßen wenig zimperlichen britischen Regenbogenpresse inspirieren, deren Horrormeldungen er kritisch kommentiert und in gewisser Weise nachzustellen versucht. Die im Zuge der Romanhandlung erzählten Gewaltakte sind zutiefst schockierend, auch wenn sie durch Crumbs zynische und teils xenophobe Kommentare, die in gewisser Hinsicht an Houellebecqs Romane der 90er erinnern, so verfremdet werden, dass sie eine durchaus surreale, fast schon satirische Qualität annehmen. Sie dienen indes keinem voyeuristischen Selbstzweck, auch wenn diese Erzählstrategie Glynn natürlich ein gerütteltes Maß an Aufmerksamkeit garantiert. Vielmehr kommt man nicht umhin, dem Glynn'schen Machwerk eine gewisse kompositorische Konsequenz zuzugestehen. In diesem Zusammenhang wäre u.a. Glynns ünerzeugender psychologischer Realismus lobend zu erwähnen: Offensichtlich sind Crumbs Persönlichkeitsspaltung, die Vergleiche mit Robert Louis Stevenson provoziert, und seine Gewaltobsessionen keineswegs das Ergebnis angeborener moralischer Verdorbenheit, sondern vielmehr das Resultat zutiefst traumatischer Erfahrungen. So schildert der Ich-Erzähler eine nebulöse, aber für das Verständnis des Romans zentrale Alptraumsequenz, die bislang von der Kritik weitgehend übersehen wurde und nach Ansicht des Verfassers dieser Rezension in verquaster Form den sexuellen Missbrauch des zehnjährigen Peter Crumb durch den eigenen Vater zum Ausdruck bringt. Dieser bringt seinen Sohn auf einen Dachboden, wo er sich entkleiden und auf eine fleckige Matratze legen muss. Der von Todesangst gepeinigte Protagonist schließt die Augen und es erscheint ein Wesen, das im Original als "badger" (dt. "Dachs") bezeichnet wird, der gewaltsam und schmerzhaft in seinen Schlund eindringt, um sich solchermaßen seines Körpers zu bemächtigen. Dass es sich dabei vermutlich um den eigenen Vater des hilflosen Halbwüchsigen handelt, kann Crumbs Bewusstsein nicht zulassen und es greift deshalb auf altersangemessene Fantasiegestalten zurück, um erfolgreich dieses extrem traumatische Erlebnis verdrängen und abspalten zu können. Crumb aber wacht auf und schenkt dem Geträumten keine weitere Beachtung. Sein zweites Trauma besteht im Verlust seiner fünfjährigen Tochter Emma, die er innigst geliebt hat und die einem außergewöhnlich brutalen Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist, dessen Urheber im Unklaren bleibt. Offensichtlich wurde der Leib des Kindes im Zuge des Verbechens zerstückelt, weshalb immer wieder Crumbs Gedanken um Verstümmelungen und abgetrennte Körperteile kreisen.
Ironischerweise wird der Medienkritiker Crumb aber auch zum Medienhelden, weil er gegen Ende des Romans nach einem terroristischen Bombenanschlag auf die Londoner Buslinie 38, die von einer großen Zahl muslimischer Briten frequentiert wird, ein Mädchen rettet, das ihn an seine eigene Tochter erinnert. Crumb, der auch schon mit Dostojewskijs Rodjon Raskolnikow verglichen wurde, ist eben Täter und Opfer zugleich, Gut und Böse haben gleichermaßen einen Platz unter seinem Schädeldach. Und genau das ist die eigentliche Leistung Glynns: Er schafft es, dem Leser trotz der unaussprechlichen Gewaltakte Crumbs Mitleid für seinen monströsen Antihelden abzutrotzen. Ungeachtet seiner extrem brutalen und sadistischen Handlungen ist Crumb eben doch letztlich ein Mensch, ein Teil der eigenen Gattung, und auch ein Produkt der Zivilisation, der er entwachsen ist.
Auch formal ist das Debut Glynns nicht uninteressant. Die Ich-Erzählpersepektive wird durch eine zusätzliche Figur gebrochen, die physisch mit Crumb identisch ist, in Krisenmomenten aber aus seinem Körper heraustritt und als eigenständige Person in der Er-Form vorgestellt wird. Crumbs Vokabular ist höchst idiosynkratisch, was dieser Schreckensgestalt so etwas wie eine nicht abstreitbare Individualität verleiht. Äußerlich impft Glynn dem Text durch Einteilung in einzelne Kapitel Struktur ein, die mit den einzelnen Tagen zusammenfallen, aber auch Lücken im Erzählprozess aufweisen, um Crumbs amnestische Episoden, die Teil seiner schweren seelischen Erkrankung sind, sinnvoll einbinden zu können.
Wer nach Extremerfahrungen und existenzialistischem Tiefgang sucht, sollte diesen Alltagssprache und restringierten Code verquickenden Roman nicht verpassen. Allzu Empfindliche sollten aber vielleicht doch was anderes lesen, denn die Gewalt- und Missbrauchsdarstellungen ín diesem Roman sind ganz starker Tobak.