In seinem vierten Roman "Sieben Jahre" stellt der 1963 geborene Schweizer Autor Peter Stamm die Betrachtung an, welchen Wert eine Lebensplanung hat, die den Bedürfnissen der Menschen nicht genügt. Wenig überraschend, dass die Protagonisten Architekten sind...
Alexander erzählt, teilweise in kunstvollen Verschachtelungen, den bestimmenden Abschnitt seines Leben, beginnend mit Abschluss des Studiums, endend mit einer entscheidenden Wende. Vieles dreht sich in dieser Phase um die schöne und noch dazu außerordentlich begabte Kommilitonin Sonja.
Zunächst scheint sie für Alexander unerreichbar. Sie hat sich bereits mit Rüdiger, einem Sohn aus bestem Hause, verbunden. In der turbulenten Zeit des Diploms lernt Alexander ein merkwürdiges Mädchen kennen. Die Polin Iwona schlägt sich ohne Aufenthaltsgenehmigung mehr schlecht als recht durch. Sie ist unattraktiv, spricht fast nichts und verweigert sich Alexander, aber sie stellt auch keine Forderungen und ist einfach da, scheint Alexander eine mysteriöse Ergebenheit entgegen zu bringen, die ihn in ihren Bann zieht.
Sonja stellt Rüdiger erfolglos ein Ultimatum im Sinne ihrer Lebensplanung. Der spielt nicht mit - und so kommt Alexander ins Spiel. Er darf Sonja auf einer Reise nach M*rseille begleiten, wo sie eine Praktikantenstelle suchen möchte. Obwohl Alexander nicht allen Anforderungspunkten auf Sonjas Liste genügt, darf er, der von ihr nicht einmal leidenschaftlich umarmt wurde, in ihren Plänen die Stelle des Ersatzspielers einnehmen.
Von nun an lebt Alexander zwei Leben - das von außen erfolgreiche Architektenpaar mit einem großen Büro auf der einen Seite, die merkwürdigen, sporadischen, aber zunehmend leidenschaftlichen Begegnungen mit Iwona auf der anderen Seite. Als Iwona schwanger wird, willigt Sonja sogar ein, Iwonas Kind mit ihrem Mann zu adoptieren.
Doch in der folgenden Wirtschaftskrise kristallisieren sich Schein und Sein heraus. Das Büro wird unter Aufsicht gestellt, ein Großteil der Mitarbeiter entlassen. Sonja lässt Alexander mit dem Chaos alleine und nimmt wieder eine Tätigkeit bei ihrem alten Arbeitgeber in M*rseille an. Alexander trinkt. Seine Tochter Sophie kommt zu Sonjas Eltern.
Doch mit den ersten Strahlen der Hoffnung kommt Sonja wieder aus M*rseille zurück und kämpft zusammen mit Alexander um den Erhalt des Büros. Doch sowie die schärfsten Klippen umschifft sind, kommt Anjas Freundin Antje aus M*rseille zu Besuch...
Peter Stamm zeichnet mit Alexander einen Menschen, der wider alle Vernunft nie aufhört zu hoffen, das zu bekommen, was ihm nie gewährt worden ist.
Der aber auf der anderen Seite seinerseits bedenkenlos nimmt, was ihm geschenkt wird, obwohl er dazu kein Recht hat. Die Geschichte entwickelt sich kraftvoll und nachdrücklich. Von Beginn an steigt die Spannung trotz der ruhigen Erzählweise. Die Figuren entwickeln sich zu beeindruckender Deutlichkeit.
Obwohl die Geschichte bedrückt in ihrer Unausweichlichkeit, obwohl der Fatalismus Alexanders deprimiert, kommen auch positive Töne auf. Immer wieder wird betont, dass der Weg aus dem Dilemma unauflösbarer Verflechtungen im positive Handeln, in der kompromisslose Bewältigung des Alltags zu finden ist.
Natürlich gäbe es noch einen anderen Weg: Sich nämlich auf hoffnungslose Entwicklungen garnicht erst einzulassen. Doch in Entscheidungssituationen verlockt das Titel-Zitat von Le Corbusier:
"Alles ist anders. Alles ist neu. Alles ist schön."
Um Alexander zu zitieren: "Und einen Moment lang dachte ich, ich könnte daran glauben."
Schon mit seinem Roman
An einem Tag wie diesem aus dem Jahre 2006 hatte Peter Stamm mich begeistert. Das ging mir beim vorliegenden Werk "Sieben Jahre", welches drei Jahre später erschienen ist, nicht anders. Ein packender und ergreifender Roman, nachdenklich und zurückhaltend. Alles ist stimmig, alles ist echt, alles ist ehrlich. Ich habe ihn sehr gemocht, warne aber auch vor der melancholischen, wenn nicht sogar deprimierenden Stimmung, die er in den Leser einfließen lässt.
jury 5* A0347 7.11.2010eg